Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 18)
- Language
- German
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150 Geist, Scharfsinn und originelle Beredsamkeit ausgezeichnet, hat mit Nissen den bedauerlichen Charakterzug gemein, daß er über ein reiches Material gebietet, ohne es jemals zu beherrschen. Auch er ist, trotz ungemeiner wissenschaftlicher Begabung und profuser Studien, niemals über die Grenze der bloßen Aspiration und Velleität hinausgedrungen, und hat sich ebenso wie jener, zeitweise aber mit noch schrofferer Absichtlichkeit und Einseitigkeit auf dem neukonservativen bodenlosen Standpunkt sestgerannt, in Folge dessen er mit Geiger gänzlich' zerfallen ist. Als nunmehriger Rabbiner der reformatorisch gesinnten Gemeinde Mannheim*) scheint er in neuester Zeit allerdings diese tendenziöse" Einseitigkeit doch erheblich gemildert zu haben — ob er sie jemals gänzlich überwunden und zu den, seinem hochgradigem Kritizismus mehr entsprechenden freisinnigen Ansichten sich rückhaltlos bekennen wird, möchte ich bezweifeln. In jener Jugendepoche war Fried mann aber uns allen voran, an entschiedener Konsequenz und Schlagfertigkeit der Dialektik; er war ein wohleingeschulter Junghegelianer und in Gemeinschaft mit ihm und (sonderbares Trifolium! muß ich selbst heut nach mehr als 25 Jahren freilich rufen) mit Ferdinand Lassalle, die beide noch das Abiturientenexamen vor sich hatten, vertiefte ich mich, als junger Student, in die Doktrinen der Halle'schen, später deutschen Jahrbücher, in denen Arnold Rüge das blanke Richtschwert schwang gegen Alles, was Romantik, Tradition und Autorität hieß. Es dauerte auch nicht lange, so hatten wir das Geheimnis des junghegelschen Stils vollkommen inne, wir brannten mit Pomp jenes dialektische Brillantfeuerwerk der sich verzehrenden Gegensätze ab, aus deren Asche, als die höhere Versöhnung, immer der Wundervogel Phönix der allgemeinen absoluten Idee, der geläuterte spekulative Begriff des Gegenstandes in blendender Farbenpracht sich in die Lüfte schwang. Das war ein sclieuia philosophandi, das auf alles mit einigem Geschick angewandt werden kann, und. damit logisch zu operieren machte uns recht kindliche Freude. In diesem Zusammen- *) Vorher war er Rabbiner in Rakel. Er starb 23. April ^1886 in Straßburg.