Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 149 (sequence 17)
- Language
- German
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149 dauer der Ueberzeugung und das aus demselben erwachsende Schaffensvermögen. Er konnte mit blendendem Geist und Witz, mit unerreichter pseudepigraphischer Meisterschaft ein Stück Talmud und Sohar konzipieren, aber er brachte es auch nicht zu einer einzigen zusammenhängenden Abhandlung über irgend ein wissenschaftliches Thema. Er war und blieb das wunderbar gelehrte Lexikon. Und wie er vor der objektiven Ausgestaltung seines Wissens zu einem Akt des Könnens zurückschreckte, so auch vor der ethischen Betätigung seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse zum handelskräftigen Charakter. Er konnte, aller besseren Einsicht zum Trotz, niemals einen eingewurzelten Zug von Konservatismus im Religiösen bemeistern und überwinden und verfiel schließlich wie ich gehört — denn seit Jahren bin ich ihm nicht mehrnahe getreten — einem, dem oben berührten orientalischen Typus genau entsprechendem Quietismus des Denkens?) Dessenungeachtet denke ich mit Liebe an ihn an dieser Stelle meiner Erinnerungen und freue mich, von diesem interessanten Charakterkopf ein freilich nur höchst mangelhaftes, aber doch getreues Standbild hier aufstellen zu können. Die schöne Therese ist, wie das so oft geschieht, keinem ihrer vielen Jugendverehrer aus dem häuslichen Kreise zugefallen. Sie heiratete den in den Märztagen 1848 vielgenannten, zum Abgeordneten der Nationalversammlung von der Arbeiterpartei gewählten Buchdrucker und Daguerrotypisten Brill, mit dem sie später nach Amerika auswanderte, wo sie noch in der Blüte des Lebens verstarb. Dem Nissen-Geigerschen Kreise gehörte zu seiner frühen Zeit neben mir von jungen Leuten auch mein Landsmann Bernhard Friedmann, und etwas später Moritz Goldstein an. Ersterer, durch talmudisches Wissen, philosophischen *') In seinen letzten Lebensjahren hat er sich ganz und gar von der religiösen Resormbewegung abgewendet und den größten Teil der Kollektaneen und Notizen, die sich darauf bezogen, mit eigener Hand vernichtet. Nach seinem Tode (6. April 1872) wurden seine Bücher, die schon wegen der äußerst zahlreichen Randglossen, mit denen sie versehen waren, höchst wertvoll waren, in alle Winde zerstreut. Den handschriftlichen Nachlaß, welcher umfangreiche Notizen - Sammlungen, aber keine fertigen Aufsätze oder Abhandlungen enthält, überwies seine Witwe der Bibliothek deS jüdisch-theologischen Seminars.