Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 16)
- Language
- German
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148 durch sein humanes, von einem geistreichen, blendenden und zugleich wohltuenden Humor durchleuchtetes Wesen, hauptsächlich viele junge ausstrebende Köpfe an sich zog, die von ihm mannigfache Anspornung, Beirat und Richtung empfingen. Sein Haus hatte noch eine besondere Anziehungskraft für junge Männer durch das Walten seiner geist- und anmutsvollen Tochter Therese*), die für alle idealen Interessen einen offenen Sinn trug, und, eine zweite Olympia van der Ende, die jungen Spinozas mit dem lieblichen Zauber ihrer schwarzen Augen zu bannen wußte. — Dieses Haus war lange Zeit der Mittelpunkt und der Herd der reformatorischsortschrittlichen Agitation, gleichsam das Standquartier und der Generalstab der neuen soclssia militans, die auf Geiger als ihren kühnen Feldherrn schwor. Es waren schöne sonnenhelle Tage, — trotz des kümmerlichen äußern Druckes, mit dem so viele von uns Jüngern zu kämpfen hatten — die wir in diesem traulichen Zirkel verbrachten, wo sich in dem reizenden anregenden Wechselspiel von tiefem Ernst und ausgelassenem Humor die wunderlichsten Kontraste des in den Gährungsprözeß eingetretenen, schaumspritzenden „jungen Israels" so recht con amore ausleben konnten. Der stattliche Hausherr, der durch den wohlgepflegten üppigen Schnurrbart in dem schönen, von einer imponierenden Stirne und klugen Augen belebten Oval seines Gesichtes, wie durch eine gewisse träge Behäbigkeit seines Wesens einen vollkommenen orientalischen Anstrich ähnlich dem eines modernen Paschas hatte, dabei aber in Ton und Ausdrucksweise des Gesprächs jeden Anklang an jüdisches Wesen in vollendeter Weise zu vermeiden wußte, war für uns die wahre lebendige Encyclopädie, und als weitere Hilfsquelle stand uns seine reiche Bibliothek offen. Hier lernten wir Spinoza's politisch-theologischen Traktat und die Wolfenbütteler Fragmente, die mit dem betäubenden Stickstoff christlicher Mystik geschwängerten Grundelemente der Kabbala und die materialistischen englischen Bridgewaterbücher kennen. Der Bildungs- und Diskussionsstoff lag in der Lust und wurde tüchtig verarbeitet. Eines fehlte leider diesem trefflichen Manne, die Energie und Aus- *) lieber ihr Schicksal vgl. weiter unten, S. 149.