Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 14)
- Language
- German
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146 der Altersgenossen einigermaßen herausgerückt war. Inter? esse hatte ich eigentlich nur für Geschichtsstudien und litterarische Kritik, und Eindruck machte auf mich nur die erste Bekanntschaft mit dem Wesen und der Geschichte der neuen spekulativen Philosophie von Cartesius bis auf Hegel herab, welche ich den geistvollen und geisterweckenden Vorlesungen des Prof. Br an iß*) verdankte. Seine durchaus freie, schöpferisch gestaltende, den Verstand und die Phantasie gleichzeitig anregende, und durch eine flutende Fülle von Gedanken warm durchströmte Diktion war ganz geeignet, den jugendlichen Geist für die Beschäftigung mit den Problemen der Spekulation zu gewinnen, und ich erinnere mich noch genau, daß die später erhaltenen Eindrücke von den Vorträgen der Berliner Diadochen auf dem verwaisten Hegelschen Lehrstuhle, mir im Vergleich zu der gewaltigen Ergriffenheit von den Braniß'schen Vorträgen vollkommen matt erschienen. Dagegen waren auch seine formale Logik und Psychologie für mich ein ungenießbares strohernes Gericht, das ich bald unberührt ließ. Ein Versuch, den ich bei den Philologen anstellte, um die Erklärung der griechischen Tragiker, die mich doch, in poetischer Hinsicht aufs Höchste interessierten, mir anzueignen, fiel ganz trostlos aus. Wochen-, ja fast monatelang wurde in der unseligen Weise der Heft- und Notizenfabrikation eine sogenannte „Einleitung" mit einem Wüste von Belegen und Zitaten aufgetischt, der ganze grammatischphilologische Kochapparat nebst Löffel, Messer und Gabeln klirrte, die Speisekarte wurde aufs Gründlichste historisch und kritisch kommentiert, aber das Essen kam nicht auf die Tafel. Etwas besser ginges mir in der alttestamentlichen Exegese und biblischen Archäologie, die ich bei Prof. Movers**), einem freisinnigen Katholiken hörte, und deshalb zu treiben begann, weil ich den Gedanken trug, mich möglicherweise der jüdischen Theologie zu widmen, welche damals eine junge,, aufstrebende, wissenschaftliche Schule bildete, die ihren Mittel- *) Bgl. Allgemeine Deutsche Biographie 47, 187. Er starb hochbetagt im Jahre 1873. . **) St. a. O. 22, 417 f. Er starb Hierselbst am 28. September 1856.