Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
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141 schaftlichen freien Selbstbestimmung auf dem Glaubensgebiete an. Aber er hegte, teilweise nicht mit Unrecht, den Verdacht, daß manchen Ortes jene Reformtendenzen nur eine Verleugnung des konfessionellen Bewußtseins maskieren, und gleichsam als eine Konzession und ein Kaufpreis für die politischen Rechte dem mißtrauischen Staate angeboten würden . . . Für mich selbst bietet die Lebensgeschichte Rießers das besondere Interesse, daß in meinem allgemeinen Bildungsgänge, wie in dem mir gestellten Lebensplane, bei der Wahl des Berufes und der ersten literarischen Bestrebungen seine Persönlichkeit mir gewissermaßen als ein leuchtendes Idealbild vorschweben mußte, auf dessen Wegen wir Jüngern nachzuwandeln hätten. Ich war, in Preußen wenigstens, von der jetzt auf der Lebenshöhe stehenden Männergeneration, einer der ersten Juden, die sich dem Studium der Rechtswissenschaft widmeten. Im deutschen Süden war vielfach die Advokatur den Juden eröffnet, im Norden dagegen, soviel ich weiß, nur in Braunschweig und Mecklenburg. Also nicht Aussicht auf Anstellung im Staatsdienst, sondern Eintritt in die spärlich besetzten Reihen der kampfgeübten, im Recht geschulten Streiter für die Sache der Gleichstellung der Glaubensgenossen, war das Moüv für die Wahl jenes Fachstudiums, wie bei Rießer; und ebenso waren, wie bei ihm, meine ersten literarischen Sporen sozusagen in dem Guerillakampfe für die Sache der Emanzipation verdient. Freilich hatte sich zu der Zeit als ich, ein unscheinbarer Rekrut, in das Glied eintrat, die Kampfesweise wesentlich geändert, und Rießer konnte unser Einem nur hinsichtlich des Zieles, nicht aber der Methode und Schreibart als Vorbild dienen. Der strategische Zweck, in die Zwingmauern des neuen feudalromantischen Bollwerks „christlicher Staat" Bresche zu legen, war überall unverändert derselbe geblieben, aber die Taktik mußte den neuen Zeiten und den besonderen Verhältnissen angepaßt werden. Rießer konnte seine Geistesschlachten noch mit den, von chm zu großer Vollendung entwickelten Waffen aus der Rüstkammer des Naturrechts, der Politik und Staatsökonomie führen. Seine Fahne war