Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
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139 Boden, um an einer anderen Stätte sein Zelt auszuschlagen. So erscheint es denn als ein Akt historischer Sühne, wenn der von der rohen Menge, vielleicht auf geheimen Antrieb höhergestellter Leiter, in freiwillige Verbannung gedrängte Jude später den Triumph erlebt, von seinen zur bessern Einsicht gelangten Mitbürgern zu einem der höchsten Richterämter seiner Vaterstadt berufen zu werden. Der innige organische Zusammenhang mit den Traditionen einer altjüdischen, noch dazu hochkonservativen Familie mit aristokratischrabbinischem Blut in ihren Adern (Rießer ist nämlich ein Enkel des berühmten Hamburger Rabbi Raphael Cohn, von Mutterseite, und sein Vater*) fungierte als adlatus und Sekretär bei dem jüdischen dreistädtischen Gerichte, dem der Großvater präsidierte) erklärt zwei prägnante Züge in Rießers literarischer Physiognomie. Der erste ist die fast auffällige Erscheinung, daß Rießer trotz seiner umfassenden, auf alle Gebiete des Wissens sich erstreckenden Bildung und seines warmen Interesses für die Zeitfragen in Politik, Litteratur und Kunst, sich doch mit engster Exklusivität auf das Feld der Judenfrage in seiner schriftstellerischen Tätigkeit beschränkte. Er selbst empfindet dieses Eingesponnensein in einen unentrinnbaren Zauberkreis des Fühlens, Denkens und Handelns, als eine Art Einseitigkeit — aber er versucht es nicht einmal sich aus ihr zu befreien. Sein litterarischer Kampf für die Emanzipation der deutschen Juden, den er mit einer nie ermüdenden Schlagfertigkeit über alle deutschen Territorien erstreckt, heut auf der politischen, morgen auf der litterarischen, wissenschaftlichen oder auch belletristischen Arena, hier gegen Rotteck und die süddeutschen Liberalen (Paulus, Wolfgang Menzel oder Gustav Pfizer), dort gegen Streckfuß in Preußen — er ist ihm eine stets dringende, heilige Lebensaufgabe. Wie eine treue Schildwache glaubt er seiner Pflicht zu fehlen, wenn er sein Auge auf andre Gebiete abschweifen lassen und darüber das ihm Nächste vernachlässigen sollte. Mit seltener Bescheidenheit — die überhaupt einen hervorstechenden Charakterzug bei ihm bildet — traute er sich *) Näheres über die Herkunft seines Vaters siehe bei Brann im „Gedenkbuch zur Erinnerung an David Kaufmann", S. 398.