Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1904-01-01 · 7 (1904) · p. Seite 138

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
7 (1904)
Article
David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
Date
1904-01-01
Page
Seite 138 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3111067-3111080-3112432--1871-3112582
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

138 als ein edles und hochbegabtes Frauenbild dar. Man atmet in diesen tiefvertraulichen Offenbarungen des geistigen und seelischen Eigenlebens durchgehends den reinen ätherischen Hauch eines innigen, treuen, fast liebevollen Verhältnisses, an welchem der befreundete Gatte auch seinen Anteil nimmt. Was am wohltuendsten indiesem Lebensbild berührt, ist wohl die leider so seltene Harmonie des innern Menschen und des öffentlichen literarisch-politischen Charakters. Rießer ist wie er schreibt. Sobald sein etwas behäbiger, breit und solide fundamentirter Stil die granitnen, juristisch-logischen Strebepfeiler des Aufbaues hinter sich hat, atniet er stets einen freien idealen Schwung, dem sogar die warme poetische Ornamentik nicht fehlt, ohne jemals in Unklarheit und phantastische Romantik zu verfallen. So erscheint uns auch sein menschliches Wesen, fest gegründet in einem eng umschlossenen patriarchalischen Familienkreis, der selbst durch den Gegensatz alter und neuer Weltanschauung an keiner Stelle und zu keiner Zeit aus seinem unlöslichen Gefüge weicht. Aus diesem altjüdischen Boden, in dem die hochgeläuterten religiösen Sympathien und Ueberzeugungen des mutigen Freiheitskämpfers mit ihrem mächtigen Wurzelstock haften, erhebt sich der nach allen Seiten gerechte, vorurteilslose und unbestechliche Geist zu den Höhepunkten echten Menschentums. Das ist sein idealer Standort, hier hat er das Sternenbanner der Emanzipation weit hinausragend und stolz flatternd in alle Winde aufgepflanzt. Von hier sendet er die klingenden Pfeile sicher und weithintreffend in das Herz der Feinde, schleudert er die Fackeln der Wahrheit in die künstlichen Verschanzungen des morschen christlichen Staats, hinter welche sich die Gegner der Freiheit und Rechtsgleichheit feige verbergen. Er kann nicht atmen in der drückenden Niederung der Knechtschaft; es ist ihm ein heiliger sittlicher Ernst um den Kampf für die Freiheit seiner Glaubensbrüder. Als in Hamburg der aufgeregte Pöbel die Juden aus einem öffentlichen Lokal gewaltsam vertreibt, stellt er sich selbst mutig als Zielscheibe des Unglimpfs der haßgeblendeten Meute entgegen; und als auch gegen ihn die unreinen Waffen sich richten — da schüttelt er den Staub von den Füßen und verläßt mit allen seinen Angehörigen den entweihten vaterländischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.