Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Aus den Memoiren eines römischen Ghetto-Jünglings
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 3)
- Language
- German
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112 17. Jahrhundert, in jenen Zeiten der tiefsten Emiedrigung und des drückendsten Elends, in ganz merkbarer Weise zu. Viele Jünglinge, welche die Lehrstätte der Talmud Thora täglich besuchten, erhielten in derselben von einen! christlichen Lehrer Unterricht in der Grammatica. Auch in anderen Disziplinen, wie Logica, Physica, Metaphysica, Rhetorica, Sphära und Medicina wurden sie privatim von christlichen Lehrern unterrichtet. Denn bereits war ein Streit zwischen den Vorstehern der Talmud Thora ausgebrochen, da einige derselben es nicht für schicklich hielten, daß an dieser Stätte der heiligen Lehre auch die profane lateinische Sprache vorgetragen werde. Nicht bei allen Scholaren war der Endzweck dieser Studien die medizinische Wissenschaft; die meisten derselben strebten hierdurch die formale Bildung an, welche sie befähigen sollte, ihren religiösen Vorträgen, die sie in den Gotteshäusern und bei feierlichen Gelegenheiten hielten, einen gediegenen Inhalt in vollendeter Form zu bieten. Auch wollten sie mit ihrer klassischen Bildung den christlichen Gelehrten und kirchlichen Würdenträgern imponieren, vor die zu treten, un! mit denen zu disputieren, sie oft Veranlassung hatten. Aus den hebräisch geschriebenen und in der Talmud Thora zu Rom aufbewahrten Memoiren (זכרונות), welche ein jüdischer Student aus jener Zeit hinterlassen hat, lernen wir die Schwierigkeiten kennen, mit denen dieser zu kämpfen hatte, um den Abschluß seiner Studien und hierbei den Doktorgrad zu erlangen. Jehuda aus dem Hause Gonzago nennt sich dieser Jüngling, der in der Einleitung zu seinen schriftlichen Aufzeichnungen von dem hohen Werte spricht, wenn der denkende Mensch sich darin übt, ״seine Tage zu zählen und ein weises Herz heim zu bringen", wie der Psalmist sagt. Nicht Viele sind es, welche die Wege und Mittel der göttlichen Vorsehung zu erkennen trachten, wie sie sich im Leben des Einzelnen und in seinen Schicksalen bei aufmerksamer Prüfung kundgeben. Nur der Gottesfürchtige läßt die Ereignisse und Begebenheiten, die ihn treffen, nicht spurlos an sich vorüberziehen. Er erkennt in ihnen die deutlichen Zeichen des göttlichen Waltens, wie im Ganzen, so auch im Einzelnen.