Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Die jüdische Staatsverfassung
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 13)
- Language
- German
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103 in jene Epoche die Entwickelung des Judentums nach der sopherischen Richtung fällt; die Haupttätigkeit der ״Großen Versammlung" wird auch wirklich auf dem Gebiet der innern, religiösen Entscheidungen zu suchen sein. Eine Reihe von religiösen und sozialpolitischen Einrichtungen in Judäa dürfte in der Tat in jener Epoche getroffen worden sein. Mag das im Talmud überlieferte Quellenmaterial noch so sehr der kritischen Sichtung bedürfen, einfach erfunden sind die Dinge gewiß nicht. Außerdem muß noch in Betracht gezogen werden, daß in der spätem talmudisch-agadischen Anschauungsweise das öffentliche Leben der Juden sich hauptsächlich im Schul- Hanse abspielte. Man wird beispielsweise die Geschichte des Königs David nicht für eine talmudische Legende erklären wollen, weil die agadische Schilderung ihn als Meister des talmudischen Disputs darstellt, dessen Streit mit den Gegnern sich um halachische Lehrsätze drehte. Die ״Große Versammlung" war sicherlich ein Rat der Alten, eine politisch-religiöse Körperschaft, die dem jeweiligen Hohenpriester zur Seite stand. Sitz und Stimme in diesem Rat dürften Wohl die Vertreter der vornehmen Familien gehabt haben, und zwar in der Reihenfolge, wie die Gerusia in der Zeit Nehemias zusammengesetzt war. An ihrer Spitze stand der jeweilige Hohepriester, der gleichzeitig das politische Oberhaupt Judäas war. Die Würde der Hohenpriesterschaft war im Hause Zadok erblich. III. Nach der Auslösung des persischen Reiches wechselte Palästina oft die Oberherrschaft. Aber gleichviel ob Judäa ein syrischer oder ein ägyptischer Vasallenstaat war, zunächst trat in den inneren Verhältnissen des jüdischen Volkes keine wesentliche Veränderung ein. Daß um jene Zeit die ״Große Versammlung" aufgelöst wurde, dafür ist noch keine genügende Erklärung vorhanden. Wahrscheinlich ist, daß die Hohen- Priester immer mehr zur Alleinherrschaft strebten, und es läßt sich denken, daß es nicht an Versuchen gefehlt hatte, die politischen Rechte der Gerusia einzuschränken oder gar gänzlich zu beseitigen. In jener Zeit, wo alles im ehemaligen persischen Reich wankte und jeder Tag neue politische Um-