Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Die jüdische Staatsverfassung
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 7)
- Language
- German
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97 prophetischen Reden Hesekiels häufig erwähnt. Es waren dies reiche, stolze und oft auch gottlose Männer, die sich mit dem Schicksal des jüdischen Volkes völlig abgesunden hatten, da es ihnen in der Fremde so gut ging. Als sie einmal zum Propheten kamen, um durch ihn ״Gott zu befragen", verkündete ihnen Hesekiel die ewig denkwürdigen Worte: ״Und was euch dünkt, wird niemals sein. Ihr glaubt Wohl, ihr könnt wie die anderen Volksstämme werden, einen Fetisch anbeten. Aber so wahr ich lebe, spricht der Herr, daß ich mit Macht und Gewalt und im Zorn euer König sein werde." Aus den Reden dieses eigenartigen Propheten geht deutlich hervor, daß die vornehmen Familien Judäas aus ihrer Heimat den alten Hochmut, ihren Adelsstolz und ihre Unbändigkeit mitgenommen hatten; das glückliche Los, das ihnen in der Fremde zu teil wurde, konnte natürlich nicht dazu beitragen, ihren Hochmut zu brechen. Da wurde eben der Grund zu der spätem Adelsherrschaft in Judäa gelegt. Aus diesen Verhältnissen entwickelte sich in der Folge das Verfassungsleben im jüdischen Staate. Im Jahre 536 vor der üblichen Zeitrechnung erließ der hochherzige Perserkönig Cyrus den Ruf an die Judäer, daß ein jeder von ihnen, der Lust habe, nach seiner palästinensischen Heimat zurückzukehren, dies tun dürfe. Gleichzeitig Wurde ihnen die Erlaubnis erteilt, das in Trümmern liegende Heiligtum von Jerusalem wieder aufzubauen. Ich glaube es in wenigen Worten sagen zu dürfen, daß bei den meisten Rückwanderem der Wiederaufbau des nationalen Heiligtums die Haupttriebfeder war; auch die materielle Unterstützung, die die in Babylonien zurückgebliebenen Judäer ihren heimkehrenden Volksgenossen reichlich gewährten, ist zum größten Teil auf das religiöse Gefühl zurückzuführen, das im Tempelbau und in der Wiederherstellung des Altardienstes seine höchste Befriedigung fand. Wie dem aber auch sein mag, jedenfalls war damals die Wiederherstellung des jüdischen Staates seitens der perfischen Regierung gewiß nicht beabsichtigt; es bedurfte im Gegenteil nur der Verdächtigung der Judäer, daß sie solches bezweckten, um beim persischen Hof ein Verbot des Tempelbaues herbeizuführen. Einige hochgesinnte Männer mögen 7