Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Die jüdische Staatsverfassung
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 5)
- Language
- German
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95 des Adels gebrochen wurde. Indessen dürfen wir nicht vergessen, daß es sich um asiatische Staaten im frühen Altertum handelt, abgesehen davon, daß wir auch in Europa Staaten kennen, wo der Adel vollständig niedergeworsen wurde und gar keinen Anteil an der Staatsgewalt erhielt, so beispielsweise Frankreich und Preußen. Daß sich da die vornehmen Familien gewisser Vorrechte erfreuten und die besseren Stellen im Staatsdienste ausschließlich für sich in Anspruch nahmen, ist ja zur Genüge bekannt. Aehnlich mögen sich die Verhältnisse in beiden palästinensischen Staaten entwickelt haben. Die alten Staaten haben bekanntlich das Repräsentativ- Wem, den Parlamentarismus, nicht gekannt. Die asiatischen Staaten waren rein despotische, und in Griechenland gab es entweder Volksherrschaft, Aristokratien, Oligarchien oder reine Despotien. So lange bei den israelitischen Stämmen in Kanaan der Partikularismus noch nicht überwunden war, mag ja in irgend einem Teil eine Volksherrschaft oder eine Aristokratie vorhanden gewesen sein. Von der Zeit aber, als sich die Stämme zum Einheitsstaat entwickelten, und auch später als es in Palästina zwei Staaten gab, ist uns auch nicht eine Tatsache überliefert, die darauf schließen ließe, daß regelmäßige Volksversammlungen stattgefunden hätten, um über Regierungsangelegenheiten Beschlüsse zu fassen, oder daß irgend eine aristokratische Körperschaft getagt hätte. Das schließt jedoch nicht aus, daß mitunter das Volk zusammengetreten ist, oder daß der Herrscher die höheren Beamten (die שרים) zusammengerufen hat, um sie um ihre Meinung zu befragen und von ihnen Rat zu erbitten. Von einem verfassungsmäßigen ständigen Mitwirken des Volkes oder des Adels bei der Regierung ist nirgends die Rede. Nicht einmal ein Name oder eine Bezeichnung für eine derartige Einrichtung aus der vorexilischen Zeit hat sich in den älteren Schriften der Bibel erhalten. Die Bilder in den prophetischen Reden zeigen uns den jeweiligen König in der Mitte seiner Hofkamarilla, die entweder den Herrscher umschmeichelt oder ihn tyrannisiert; in der Regel tut sie nach orientalischem Muster Beides, da das Eine das Andere nicht ausschließt. Nach der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung