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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1904-01-01 · 7 (1904) · p. Seite 88

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
7 (1904)
Article
Der Mosaismus und das Judentum
Date
1904-01-01
Page
Seite 88 (sequence 54)
Language
German
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88 sittliche Scheu aufzusassen sein, durch Lockerung der Volksreligion der Zügellosigkeit freie Bahn zu machen.*) Tötet doch auch Epikur die Götter nicht, sondern, man kann sagen, pensioniert sie blos. Er läßt sie leben, leben in den Jntermundien, behauptet sogar ihre menschenähnliche Gestalt und Weise, hat nichts gegen ihre Verehrung als liebenswürdige Ideale, versagt ihnen blos das Eingreifen in unsere Angelegenheiten, so daß jede Furcht vor ihnen die eigentliche Asebie ist. So aufklärend das zuerst gewirkt haben mag, diese nüchterne Phantastik macht doch noch einen schlimmeren Eindruck als die trunkene. Die Systeme der Erneuerung, welche den Schluß der griechischen Philosophie, den Neupythagoräismus und den Neuplatonismus bilden, waren bekanntlich monotheistische, aber wenn es schon bei den Neupythagoräern ein Monotheismus war, der Raum ließ für sämtliche Volksgötter und Dämone als Zwischenwesen zwischen dem einen Gotte und den Menschen, so war das noch sublimer gefaßte Eins der Neuplatoniker der Emanator aller erforderlichen Untergötter, so daß bekanntlich grade dieses System das letzte Bollwerk war, hinter welchem sich das Heidentum mit seinen Göttern und seinen magischen Kulten verschanzte. So erklärt sich denn der auf den ersten Anblick befremdende Umstand, daß das geistreichste der Völker, das hellenische, nicht etwa erst in seiner spätern Entartung, sondern auch schon in seiner Blütezeit an dem schimpflichsten sowohl offiziellen wie privaten Aberglauben krankte. Ich habe nicht die Absicht hier ausführlich zu sein, da unzählige Schriften existieren, die darüber belehren können. Aber an Andeutungen möchte ich es nicht fehlen lassen. Wir können sagen: auch bei den Griechen finden wir allen Aberglauben, den Moses verboten hat, offiziell vertreten.**) *) Zeller, III. 1, S. 312. **) Ueber die große Verbreitung der Menschenopfer in der griechischen Urzeit und ihre Fortdauer auch noch in der historischen Zeit verweise ich auf 27 Paragraphen von Karl Friedr. Hermanns „Lehrbuch der gottesdienstlichen Altertümer der Griechen", 2. Auflage bearbeitet von Karl Bernhard Stark. Vgl. auch den Artikel „Magie" in Paulys Realencyclopädie der klassischen Altertumswissenschaft.

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