Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Der Mosaismus und das Judentum
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 51)
- Language
- German
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85 sondern pflegt zur Verwerfung alles Glaubens zu .kommen. Das macht aber diese Erhebung über den Volksglauben so unfruchtbar und einflußlos. Endlich hatten die materialistischen Philosophen der Griechen (Demokrit) umgekehrt den Gott geleugnet, die Götter aber anerkannt. Den wahren Gott vertraten ihnen die Atome und deren Bewegung, die Götter aber sind Wesen, die ja so gut wie die Menschen durch Zusammenwürfelung der Atome entstanden sein konnten. Gehen wir noch etwas ins Einzelne ein. Schwerlich hatten Thales und seine Nachfolger, die Naturphilosophen, als sie nach dem Urgründe forschten, aus dem alles, entstanden, eine Ahnung davon, daß sie eigentlich das suchten, was im biblischen Sinne Gott genannt wird. Denn wenn in der Bibel Gott und der Ewige im Gegensatz zu allem Entstandenen Wechselbegriffe sind, so bot ihnen ihre Volksreligion eine solche Vorstellung von der Gottheit nicht. Die Götter waren entstanden so gut wie die Menschen. Daß sie sich in irgend einem Gegensätze zum Volksglauben befanden, dafür gibt es keine beglaubigte Nachricht, wohl aber umgekehrt, daß sie in Uebereinstimmung mit demselben waren.*) Den Ausdruck bei spätem Schriftstellern, Anaxamander und Anaximenes hätten ihren Urstoff für die Gottheit erklärt, taxiert der berufenste Interpret der griechischen Philosophie, Zeller, als mindestens eine Anii- «ipation im Ausdrucke, der Sache nach hatte es ja seine Richtigkeit.**) Auch von den Pythagoräem, so sehr ihnen reinere Vorstellungen von der Gottheit zugeschrieben werden, urteilt Zeller, daß dennoch „die Volksreligion als Ganzes die Voraussetzung ihrer eigenen Welt- und Lebensansicht" bildet.***) Ihr Glaube an Dämonen und an weissagende, von ihnen ausgehende Stimmen (das spätjüdische Bath-Kol) war eine reiche Quelle spätern Aberglaubens. Imponierend ist und bleibt in der großen Gottfrage der Colophonier Zcenophunes. *) Zeller, I., S. 179. **) S. 222. ***) S. 425 und 426.