Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Der Mosaismus und das Judentum
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 47)
- Language
- German
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81 als das den Göttern Wohlgefällige, sie zu ehren in der Weise, wie der Staat (die Stadt) es vorschreibt. (Tenophon, M. S. IV 3,16.) In der Tat war das der alleinige Begriff der griechischen Frömmigkeit (Eusebie). Wer den Göttern die durch den Staat und die Sitte anerkannte Leistung zollte, war fromm, wer das unterließ, war gottlos. Nicht die dogmatische Ansicht entschied über die Frömmigkeit, sondern das Verhalten in kultueller Hinsicht. Die Frömmigkeit war eine bürgerliche Leistung. Hatte der Staat einem Gotte die Aufnahme verweigert, so galt in seinem Bereiche für verbrecherisch, diesen fremden Gott zu ehren' bekam der Gott nachher das Bürgerrecht, so strafte man umgekehrt den Bürger, der seinen Kultus schmähte. Zeller*) begründet überaus zutreffend, warum es in Griechenland zu einer kontrollierbaren Glaubenslehre überhaupt nicht kommen konnte. Es gab ja keine kanonischen Religionsurkunden, aus denen ein theologisches Lehrgebäude hätte errichtet werden können. Die Menge der durchaus nicht übereinstimmenden Sagen über die Götter, ebenso die Darstellungen der Dichter, die sich frei und ziemlich unabhängig von einander bewegten, ließ es zu keiner festen und undurchbrechbaren Ansicht über die Götter kommen. Ehrte man nur die Götter in der vorgeschriebenen Weise, so war das Denken über sie frei. Zeller meint nun, daß dieser glückliche Umstand eine Philosophie in Griechenland erst möglich gemacht. Sie konnte von keiner bewachenden Theologie in ihrer Freiheit beschränkt werden, da es eine feste theologische Vorstellung überhaupt nicht gab. Aber indem wir gern diesen glücklichen Umstand preisen hören, können wir doch einen Nachteil dieses Nebeneinanderhergehens von Religion und Philosophie nicht verschweigen. Die Duldung hatte in Griechenland bekanntlich eine Grenze, so oft eine philosophische Lehrmeinung den Kultus der Staatsgötter selbst zu gefährden den Anschein hatte. Ich erinnere nur an das, was Jedermann bekannt ist, an die Verfolgung des Anaxagoras und Diagoras und vor allem des Sokrates. Das hatte freilich die griechische Philosophie nicht gehindert. *) Die Philosophie der Griechen. I. (4. Auflage.) S. 44 ff. 6