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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1904-01-01 · 7 (1904) · p. Seite 76

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
7 (1904)
Article
Der Mosaismus und das Judentum
Date
1904-01-01
Page
Seite 76 (sequence 42)
Language
German
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76 Praxis ist erst der Kabbala gelungen, obwohl nicht ohne meist erfolgreichen Widerstand von Seiten nüchterner Talmudisten. So wenig es nämlich im Talmud an abergläubischen Vorstellungen fehlt, so sind doch diese Vorstellungen in der halachischen Praxis nur schwach zur Ausprägung gekommen. Erst als hebräische und chaldäische Übersetzungen und Bearbeitungen von gnostischen und neuplatonischen Schriften den Lehrern des Mittelalters als ererbtes jüdisches Gut erschienen, war eine Art latenter Polytheismus in jüdische Kreise mit der Empfehlung gedrungen, als stamme das von den alten Tradenten der mosaischen Lehre. Der richtigen Auffassung des Maimonides und, wie wir zur Ehre der eigentlichen Halachisten sagen müssen, gerade der Talmudlehrer einseitiger Richtung und strengster Observanz von dem Wesen der Gebote, der Riten und der Ceremonien, trat die heidnisch gefärbte der Kabbalisten gegenüber. Da ich hier nicht ins Spezielle eingehen will, so sei das im Großen und Ganzen erläutert. Wer beispielsweise an jedem Morgen die Gebetriemen anlegt, um sich an den Inhalt der in den Kapseln enthaltenen Schriftkapitel zu erinnern und so seinen Arbeitstag zu weihen und zu heiligen, der begeht gewiß eine untadelige, religös in hohem Grade förderliche fromme Uebung. Wer aber von dem Anlegen der Gebetriemen eine Art magischer Wirkung auf Gott erwartet, der handelt nicht im Sinne Moses, sondern im Sinne des Plotin und Proclus. Nun diese letztere Ansicht machen die Kabbalisten mit großem Geräusche gegen Maimonides geltend. Nicht minder ist es gewiß schön und erhebend, daß an der Türpfoste die mahnenden Kapitel angeschlagen sind, deren stete Beherzigung die Schrift wünscht. Wer aber die Mesusa als Schutzmittel gegen böse Geister verwendet, der „verkehrt die Worte des lebendigen Gottes". Daß Maimonides tatsächlich den Sinn des mosaischen Gebotes getroffen und nicht die -Kabbalisten, geht aus den Worten, mit denen die Schrift das Gebot der Schaufäden einführt, in unzweideutigster Weise hervor. Wir halten hier inne, weil wir meinen, genügend gezeigt zu haben, daß der in der spätern jüdischen Literatur sich vorfindende Aberglauben aus geschichtlicher Unkenntnis und Mangel

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