Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Der Mosaismus und das Judentum
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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73 ziehentlich Aufhebung der Naturgesetze. Was uns heute bei dieser Vorstellung stört, ist ja auch nicht der Umstand, daß wir Gott die Macht über die Natur nicht zuerkennen, sondern daß wir eine solche ausnahmslose Konstanz der Naturgesetze erfahren haben, daß wir darin gleichsam die Gesetze auch von Gottes eigener Natur erblicken, daß wir darum nicht gut annehmen können, er bedürfe, um seine Zwecke zu erreichen, einer solchen Revolution, die seit Jahrhunderten kein beglaubigter Augenzeuge je gesehen. In einem Punkte stehen wir dem Wunderglauben freier gegenüber als das Mittelalter. Das Mittelalter wurde von der doppelten Frage bedrückt, einmal: Wie sollte die Natur sich ändern, wie sollte das Feuer einmal nicht als Feuer und das Wasser einmal nicht als Wasser wirken? Dann aber auch: Wie kann Gott selbst seinen Willen ändern? Diese letztere Schwierigkeit war eine scholastische. Es war nicht der Gott des Moses und auch nicht der Gott unserer Tage, sondern es war der Gott des Aristoteles, welcher als Denker des Denkens in beständiger Identität erstarrt, um einen Ausdruck Lotze's zu gebrauchen (Mikrokosmos HI., S. 364). Unser Gott, eine Forderung der vernünftigen und moralischen Natur des Menschen, ist aber ein Gott, der nicht blos Theorie treibt wie der aristotelische, sondern der handelnd eingreift, so daß seine ewige Mitwirkung bei allem Geschehen ohne jeden Denkwiderspruch als eine veränderliche Größe gefaßt werden kann. Nicht einen Augenblick soll darum vergessen oder vertuscht werden, daß die Autoren der Bibel die Tatsachen oft so erzählen, daß wir in dieser Weise sie uns nicht denken können und daß nur die bibelkritische Ansicht, nach welcher zwischen dem Ereignis und dem Erzählten unterschieden werden muß, allein befriedigen kann. Aber wir kommen jetzt zur Hauptfrage: Wenn doch der Mosaismus und der Prophetismus das Wunder in einer Art statuiert, die kein Gesetz und keine Regel gelten läßt, ist da nicht wiederum dem Aberglauben Tür und Tor geöffnet? Wir antworten: soweit der Aberglauben verderblich ist, nein! Das Traurige des Aberglaubens besteht jedoch darin, daß der Mensch, weil die Welt voll ist von geheimnisvollen