Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Der Mosaismus und das Judentum
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 37)
- Language
- German
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71 darin: der Mensch hat zwar die Fähigkeit, die Natur in seinen Dienst zu nehmen und so Zwecke zu erreichen, die sie von selbst keineswegs erreicht hätte, Gott aber könne das nicht. Das heißt aber keinen freien lebendigen Gott haben. Man sagt zwar: wir sträuben uns nicht gegen solche Wunder, sondern nur gegen diejenigen, welche im Widerspruche mit den Gesetzen der Natur geschehen. Aber ich habe gezeigt, daß man meist weiter geht und zu unglaublichen Wundern auch solche zählt, bei denen eine Aushebung der Naturgesetze nicht angenommen zu werden braucht. Nun aber scheint das nicht weiter zu führen. Ich glaube aber doch. Der Glaube, daß Gott Wunder tut, hat für die Religion ein primäres Interesse; der Glaube, wie Gott die Wunder tut, hat nur ein sekundäres Interesse, nämlich das bibelkritische, wie wir die Auffassung der Wunder in den Bibeltexten mit unserer Auffassung vereinigen können. Nehmen wir als Beispiel die Rettung Israels und den Untergang der Aegypter im roten Meere. Mir ist es nicht einen Augenblick zweifelhaft, daß es Gottes Fügung war, welches das Meer in den Stunden trocken sein ließ, als Israel durchzog, und in den Stunden in seiner alten Gewalt strömen ließ, als die Aegypter nachzogen. Habe ich mich damit schon über das „Wie des Geschehens" geäußert? Nicht einmal die Schrift tut das. Ja, diese Stelle kann uns eine Art Schlüssel sein für die Auffassung der Bibelautoren. „Gott," heißt es, „ließ durch einen starken Ostwind die ganze Nacht das Meer ablaufen und machte das Meer zu einem trockenen Grunde." Diese Stelle ist von den alten Erklärern nicht unbeachtet geblieben. Der verständige Samuel ben Meir sagt: „Nach gewohnter Weise (naturgesetzlich) ging Gott zu Werke, denn der Wind trocknet und macht die Ströme versiegen." Nachmanides macht dieselbe Bemerkung, nur daß er hier eine besondere Absicht Gottes annimmt, warum er den Schein des Naturgesetzes wahrt. Was ist die Wahrheit? Ganz einfach, daß den biblischen Autoren die ganze Unterscheidung zwischen den Wundern Gottes innerhalb des Naturgesetzes und gegen das Naturgesetz fremd ist. Die Bibel kennt keine Natur, wie sie auch das Wort nicht hat.