Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Der Mosaismus und das Judentum
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 19)
- Language
- German
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53 die Macht der Mächte ist. Das erste Leid, das erste Bedürfnis nach Hilfe erzeugt in ihm den Wunsch, diese Hilfe zu erlangen durch eine Macht, die höher ist als Menschenmacht. Das erste Unrecht, das er als ein solches empfindet, enthüllt ihm einen Gesetzgeber und Richter, den er zu scheuen hat. Was der Mensch aus diesen Enthüllungen macht, entscheidet über Wahrheit und Falschheit seines Glaubens, über Glauben und Aberglauben. Der Mensch ist nicht die Macht der Mächte, so kann es vielleicht die Sonne, das Heer der Gestirne, vielleich die Mutter Erde sein, aus der er selbst hervorgewachsen. Daß diese Himmelskörper unlebendig sind, stört ihn nicht lange, er leiht ihnen sein eigenes Leben oder vielleicht noch eine höhere Potenz seines eigenen Lebens. In der Not wendet er sich an sie, er meint, die Sonne, die soviel vermag, vermag ihm auch zu helfen. Zu dieser Not rechnet er auch das Gefühl des eigenen Unrechts, die Last der Sünde hat er sich nicht selbst aufgewälzt, sondern eine höhere Macht, die ihm grollt. Kain wirft gleichsam Gott die Sünde vor, die er (Kain) begangen: „Meine Sünde ist zu groß, als daß ich sie tragen könnte." Wie konntest Du einem Menschen eine solche Last auflegen? will er sagen. *) Er sinnt nun auf Mittel, sich diese höhere Macht gnädig zu stimmen. Die moralische Besserung ist es zunächst nicht, die er anstrebt, dazu gehört selbst schon eine hohe moralische Ausbildung, sondern nur durch Freundlichkeit der höheren Mächte vor Leid behütet zu sein. So entstehen Sühnemittel, Beschwichtigungsmittel, Gunstbewerbung als eine Art göttergewinnender Ceremonien. Die Götter sind ihm durchaus physische Wesen, wie er selbst, er wirkt auf sie, wie er auf seinen Mitmenschen wirkt, durch Schmeichelei, durch Befriedigung ihrer Leidenschaften, die er ihnen so gut zutraut, wie sich selbst. Als solche lebendige Naturwesen scheiden sich ihm die Götter leicht in gute und böse. Denn wenn ihm der freundliche Sonnenschein die Güte der Sonne bezeugt, so bezeugt ihm das Wüten des Orkans das Vorhandensein einer bösen Macht. Eine böse Macht wird aber *) Die Übersetzung: „Meine Strafe ist zu groß," steht nicht im Texte.