Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Der Mosaismus und das Judentum
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 18)
- Language
- German
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52 Insofern kommt es schließlich doch daraus hinaus, daß jeder Aberglaube nicht blos phantastisch, sondern auch denkunmöglich wird. Aber dieses Denkunmögliche leuchtet nicht sofort ein, sonst würde es überhaupt keinen Aberglauben geben, da das logisch Unmögliche von Niemand geglaubt wird, sondern es kann sich erst ergeben durch die scharfe Fassung des Übersinnlichen und des Sinnlichen. Das Übersinnliche wirklich rein als übersinnlich fassen, gehört zu den Leistungen, die der Menschengeist am schwersten zustande brachte und von denen er immer wieder abfällt. Kaum hat uns das Denken auf das Übersinnliche geführt, so ist die Phantasie geschäftig, diesem Übersinnlichen Eigenschaften zu geben, die es wieder zu einem Sinnlichen machen. Neben der Denkschwäche ist es auch das Interesse, das dazu verführt. Wir wollen mehr wissen, als wir auf dem Wege ehrlichen Denkens erkennen können, und so ist unsere Phantasie geschäftig, uns diesen Wunsch durch falsche Vorspiegelungen zu gewähren. Wir wollen mächtiger sein, als es auf dem natürlichen Wege geht, und so bietet sich die Phantasie an, uns Kräfte und Wirkungen zu versprechen, die tatsächlich nicht vorhanden sind. So kommen wir denn auf die Untersuchung, wie eigentlich der Aberglaube entsteht. Kant sagt einmal: „Die Furcht habe Götter (Dämonen) Hervorbringen können, aber die Vernunft vermittelst ihrer moralischen Prinzipien zuerst den Begriff von Gott" (Kritik der Urteilskraft, ecl. Kirchmann S. 335). Kant spielt hier nur auf den Satz an: timor fecit deos, um ihn allenfalls gelten zu lassen, nicht aber will er selbst die Frage: wie kam es zum Götterglauben? damit beantworten, daß die Furcht das eigentlich oder auch nur principaliter Hervorbringende gewesen sei. Er will vielmehr nur seinem System gemäß den Zusammenhang zwischen wahrem Gottesbegriff und der Reinheit moralischer Prinzipien aussprechen. Gehen wir nun selbst einmal ans das Entstehen des Aberglaubens ein. Glaube uud Aberglaube haben eine und dieselbe Wurzel. Denn der Aberglaube ist nur eine Krankheitserscheinung des wahren Glaubens. Der Glaube an eine höhere Macht ist dem Menschen das Natürlichste auf der Welt. Der erste staunende Blick auf die Welt sagt dem Menschen, daß er nicht