Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Der Mosaismus und das Judentum
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 16)
- Language
- German
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50 Tischrücken grassierte, waren nicht Alle, die daran glaubten, abergläubisch, die Meisten waren blos Irrende. Sie glaubten ja nicht, daß eine überirdische Macht den Tisch in Bewegung setzte, sondern sie nahmen nur fälschlich die Wirkung eines von den menschlichen Fingerspitzen ausgehenden Fluidums an, während in Wahrheit die Sache aus Illusion beruhte. Erklärten sie also die Sache auch falsch, so gingen sie mit ihrer Erklärung doch nicht aus dem Bereich der naturgesetzlichen Ursachen und Wirkungen heraus. Bisweilen können wir darum auch schwanken, ob wir eine Annahme blos als Irrtum oder auch als Aberglauben bezeichnen sollen, da nicht sowohl die Falschheit der Annahme über ihre Zugehörigkeit zum Aberglauben entscheidet, als vielmehr die Art des Bestimmungsgrundes zu dieser Annahme. Die Astrologie trat einst in einem wissenschaftlichen Gewände auf und hat darum auch nüchterne Denker verleitet, in ihr etwas Naturgesetzliches zu sehen. Pfleiderer (Theorie des Aberglaubens S. 4) führt den Satz des Kent aus Shakespeare's König Lear an: „Die Sterne, die Sterne bilden unsere Sinnesart, sonst zeugte nicht so ganz verschiedene Kinder ein und dasselbe Paar." Er hält diese Annahme für eine Vernunftwidrigkeit, für einen innern Widerspruch, daß hier ein Sinnliches Ursache für ein übersinnlich Geschehenes sein solle. Allein ich kann ihm darin nicht zustimmen, denn es ist fraglich, ob die Sterne nicht im Sinne der Astrologen selbst etwas Übersinnliches sind, da sie Sternengeister annahmen. Der Grund, warum die Astrologie zum Aberglauben wird, ist nicht der Selbstwiderspruch, die Denkunmöglichkeit, sondern, was noch näher zu erklären sein wird, die darin sich aussprechende Phantasterei. Da somit zum Aberglauben nicht blos die Annahme des Denkunmöglichen, sondern auch des blos Phantastischen, d. h. des weder durch Vernunft noch durch Erfahrung irgendwie Befürworteten gehören kann, so werden wir Aberglaucn folgendermaßen erkläreir: Der Aberglaube ist der Glaube an Wesen, Kräfte, Wirkungen, die in natura rsrurn überhaupt nicht existieren, entweder weil sie garnicht existieren können, weil ihre Annahme sich selbst widerspricht, oder weil zwar ihr Vorhandensein