Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Der Mosaismus und das Judentum
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111080-3112429--1779-3112493- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
49 IV. Glaube und Aberglaube. In Tagen, wo der Mensch wohl unter der Bosheit der Menschen zu leiden hat, nicht aber unter abergläubischem Wahn, kann es Vorkommen, daß man den Aberglauben viel schöner und poetischer findet als die nackte Wahrheit und Klarheit. Etwa wie es interessant ist, sich einen Königstiger anzusehen, wenn er unter Verschluß und verhindert ist, uns mit seinen Tatzen zu liebkosen, aber weniger interessant, ihm im Walde zu begegnen. Von der Poesie des Aberglaubens war schwerlich entzückt, wer ihm im Walde begegnete, d. h. in Zeiten, wo man auf Grund von Taten, die in natura roruin überhaupt nicht möglich sind, auf den Scheiterhaufen geschickt wurde. Kaum aber ist ein die Menschen schändender und zugleich elend machender Aberglaube geschwunden und vergangen, so ist die Gefahr, welche der Aberglaube birgt, 'vergessen, und er erscheint im Lichte des Interessanten. So interessant wie die griechische Götterlehre ist der Mosaismus nicht, aber er war doch der Stern, der die Nacht des Wahns zu verscheuchen bestimmt war. Was eigentlich Aberglauben ist, wird nicht leicht präcis angegeben. Der Abergläubische hat falsche Vorstellungen, aber nicht jede falsche Annahme nennen wir Aberglauben, sondern für gewöhnlich nur Irrtum. Wer z. B. glaubt, daß Amerika kleiner als Europa ist, der glaubt etwas Falsches, ist aber darum nicht abergläubisch. Seine Annahme widerstreitet weder den logischen Denkgesetzen, noch den allgemeinen Gesetzen der Erfahrung. Er hat blos entweder falsch gemessen oder gerechnet, oder hat Falsches gehört oder das richtig Gehörte verwechselt. Und dennoch kann auch dieser Glaube, daß Amerika kleiner als Europa, ein Aberglaube werden, wenn Jemand nämlich diesen Glauben hat aus irgend einem mystischen Grunde, weil ihm z. B. ein Traum geoffenbart hätte, daß Gott den kleinen Erdteil erst später habe entdecken lassen als den größern oder sonstwie. Man sieht daraus, daß es Vorkommen kann, daß, wenn zwei dasselbe Falsche annehmen, der Eine blos irrt, der Andere zugleich abergläubisch ist. Als der Glaube an das