Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Der Mosaismus und das Judentum
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 10)
- Language
- German
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44 zur Befreiung von dem durch den Traum Angedrohten an die Hand geben. Der Abergläubische hat einen schlimmem Tyrannen als Polykrates oder Periander war, denn das Gebiet der Beiden ließ sich doch fliehen, ist schlimmer daran als ein Sklave, der doch seinen Herrn wechseln kann. Der Atheist kann im Unglück seine Ruhe bewahren, kann rüstig gegen Widrigkeiten kämpfen, der Abergläubische sieht beim kleinsten Unglück in sich selbst einen Feind der Götter, wagt kaum in Krankheit oder irgend einer Not sich selbst zu helfen oder sich helfen zu lassen, sagt zum Helfer: Laß mich bestraft werden, mich Unglücksmenschen, auf welchem der Fluch und die Feindschaft der Götter lastet. Und selbst bei freundlichen Gelegenheiten, wie bei Festen und Opferschmäusen, hat der Abergläubische keine Freude. Er naht sich den Göttern in Angst und Schrecken, wie wenn er in einen Bärenzwinger oder in Höhlen von Drachen und Ungeheuern gehen sollte. Und da, meint er, soll der Aberglaube, der die Götter für Feinde hält, nicht mindestens ebenso gut Unfrömmigkeit sein wie der Atheismus? Es ist doch besser, sagt er, indem er auf sich selbst exemplificiert, daß Jemand die Existenz des Plutarch leugnet, als daß er ihm alle möglichen schlechten Eigenschaften andichtet. Er schildert nun, was trauriges Alles den Göttern von den Dichtern angedichtet und vom Volke geglaubt wird. Es findet sich da das schöne Witzwort eines im Theater Anwesenden, der dem Dichter Thimotheus, als er die Artemis in vielfacher Wendung als besessen und rasend schilderte, die Worte zurief: „Mögest Du eine solche Tochter haben!" Der Abergläubische, meint er, fürchtet zwar die Götter, aber er muß sie notwendig auch hassen. Wie kann er Götter lieben, die er für rasend, treulos, veränderlich, rachsüchtig, grausam und kindisch unverträglich hält? So unterscheidet sich der Atheist von dem Abergläubischen nur so, daß der Atheist glaubt, es gäbe keine Götter, der Abergläubische aber es in seinem Herzen wünscht, daß es keine gäbe. Auch hat der Aberglauben den Atheismus erst erzeugt, denn das Universum bot den Atheisten nichts Tadelnswertes, daß sie es entgötterten, sondern die lächerlichen und bedenklichen Arten der Götterverehrung. Gleich Lucrez, seinem sonstigen