Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Der Mosaismus und das Judentum
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 9)
- Language
- German
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43 Von der Wendung der Sage, daß sie durch Diana gerettet im Tempel zu Tauris als deren Priesterin fungierte, weiß der Dichter nichts oder will er nichts wissen. So wenig Lucrez' Ansichten irgend welche Bedeutung haben für das, was wir heute unter Religion verstehen, so bezeichnend sind seine Worte für die Religion, die allein er kennen gelernt, das griechisch-römische Heidentum. Daß es in der 'Tat wie ein Unglück auf der Menschenwelt lastete, daß das Volk durchseucht war von Dämonenfurcht und abergläubischem Schrecken, brauchen wir ihm allein nicht zu glauben, sondern wird uns von dem frommen und zur heidnischen Volksreligion in durchaus pietätsvollem Verhältnisse stehenden Plutarch bestätigt. In seiner Abhandlung über „Aberglauben" (Deisidämonie) spricht er von beiden Krankheiten, dem Atheismus und seinem Gegensätze, der Deisidämonie. So sehr er den Atheismus verabscheut, wie bei einem Manne natürlich ist, der den Glauben an die Götter für die Grundlage alles Staatslebens und aller menschlichen Gemeinschaft hält, der jm Atheismus etwas Tierisches sieht, so erklärt er die „Deisidämonie" in einer Schrift für kein geringeres Übel als den Atheismus, in der Schrift über den Aberglauben aber für ein noch größeres. Der Atheismus, der das Edelste nicht kennt, ist eine Art Stumpfsinn, ist aber wenigstens frei von Furcht, die Deisidämonie ist aber eine Furcht, die lähmender wirkt und zum Handeln unfähiger macht als irgend eine andere Furcht. Wer das Meer nicht befährt, hat das Meer nicht zu fürchten, wer nicht Kriegsdienste tut, nicht den Krieg, wer zu Hause weilt, nicht die Räuber, wer arm ist, nicht den Sykophanten, wer niedrigen Standes ist, nicht den Neider, in Galatien giebt es keine Furcht vor dem Erdbeben, in Aetiopien keine vor dem Blitz. Wer aber in abergläubischer Furcht vor den Göttern zittert, der fürchtet alles: Das Land, das Meer, die Lust, den Himmel, die Finsternis, das Licht, das Geräusch, die Stille, den Traum. Auch der Schlaf bietet dem Abergläubischen keine Erholung. Er sieht die schrecklichsten Gesichter und Bilder, und ist er erwacht, so freut er sich nicht etwa, sondern legt den Traumbildern Gewicht bei, fällt in die Hände von Schwindlern, die ihm die seltsamsten Mittel