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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1904-01-01 · 7 (1904) · p. Seite 42

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
7 (1904)
Article
Der Mosaismus und das Judentum
Date
1904-01-01
Page
Seite 42 (sequence 8)
Language
German
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42 sachlichen Schwierigkeit, die Grenze zu ziehen, wo der Glaube aufhört und der Aberglaube ansängt, sondern liegt auch in der Subjektivität des Definierenden. Die Mehrzahl gehört nicht blos äußerlich, sondern mit ihrem Herzen einer bestimmten Glaubensgemeinschaft an und sucht eine Definition, die den Glaubensvorstellungen ihrer Gemeinschaft keinen Abbruch tut. Ein anderer Teil ist einfach ungläubig, fo daß für sie zwischen Religion und Aberglauben gar kein Unterschied ist. Um nicht Beispiele aus unsren Tagen zu bringen, gehen wir auf das Altertum zurück. In Betracht kommt da ein Ungläubiger und ein Gläubiger, wenn man bei der Unbestimmtheit dessen, was in der griechisch-römischen Religion zu glauben war, diese Bezeichnung auf einen gläubigen Heiden anwenden kann. Ausdrücklich über den Aberglauben geschrieben haben im Altertum Sen ec a, dessen Schrift bis aus ein unbedeutendes Fragment, in welchem Seneca das Eindringen jüdischer Glaubensvorstellungen in die Römerwelt beklagt, uns verloren gegangen, und Plutarch, dessen Schrift über die „Deisidämonie" wir noch besitzen. Kann uns Plutarch den gläubigen Heiden vertreten, so vertritt der Dichter Lucretius Carus den alle Religion als Aberglauben bezeichnenden Epikuräer. In Lucrez hat der Unglaube seinen enthusiastischen Panegyriker gefunden. Er stellt die Religion dar wie ein Medusenhaupt, das vom Himmel herabhängend, die Menschen, die es anschauen, in Furcht und Schrecken jagt, sodaß sie niedergestreckt auf dem Boden liegen. „ Er stellt dann in dem griechischen Manne (dem Epikur) den Überwinder der Religion hin, dem es gelingt, die Menschen von diesem Schrecken zu befreien, sodaß umgekehrt die Religion zu Boden liegt, der Mensch aber siegreich sein Haupt in den Himmel erhebt. Und damit man ihm nicht einwende, daß bei einer solchen Anschauung von der völligen Nichtigkeit des Religiösen dem Laster Tür und Tor geöffnet ist, bemüht er sich um den Nachweis, daß die Religion viel Gräßlicheres verursacht habe als der Unglaube, ein Nachweis, der mit den berühmten Worten schließt: „Zu soviel Bösem konnte die Religion raten." Er hatte nämlich vorher in ergreifender Weise die Opferung Iphigeniens durch ihren eignen Vater geschildert.

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