Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Der Mosaismus und das Judentum
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 4)
- Language
- German
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38 darüber zu rechten, daß sie die minutiösen Opferbestimmungen für später entstanden ansieht; darauf einzugehen hieße, von unserem Gegenstände uns vollständig entfernen. Aber wenn sie meint, die große Werdezeit der jüdischen Religion, das sinaitische Ereignis, einfach ignorieren zu können, so möchte ich wissen, wie sie die Propheten verstehen will, die das Volk züchtigen zu müssen glauben für einen Abfall, der garnicht stattgefunden. Wunderliche Leute, die gar kein Bewußtsein darüber haben sollen, daß sie Neuschöpfer sind, die sich auf eine Vergangenheit berufen, die gar nicht gewesen! Ich verstehe also unter dem Mosaismus den wirklichen Mosaismus; das aber, was ich über ihn zu sagen habe, bleibt auch dann unerschüttert, wenn man durchaus erst späteren Zeiten zutraut, was in früheren Zeiten sich begeben. II. Das Wissen des Mosaismus um seine spezifische Differenz. Man hat die Aussage Israels über sich selbst oder richtiger die Aussage der Verfasser der heiligen Bücher über Israel, daß es das von Gott erwählte Volk sei, häufig getadelt. Wir aber wollen es weder loben noch tadeln, sondern nur zu erkennen trachten, was und wieviel in dieser Aussage liegt. Wir sind ja heute nicht zweifelhaft, daß es in geschichtlichem Sinne gar manche auserwählte Völker gibt. Wer möchte den alten Hellenen in gar mancher Rücksicht diese Bezeichnung versagen, ebenso in anderer den Römern der Vorzeit? Ich meine auch nicht, daß die Juden die Griechen au Selbstbewußtsein übertrosien hätten. Wenn auch die Bezeichnung „Barbaren", welche die Griechen allen anderen Völkern gaben, ursprünglich auf die rauhe, ihnen unverständliche Sprache sich bezog, der Ausdruck „Barbaren" sogar seit den Tagen des Augustus, als es eine Art griechisch-römischer Nationalität gab, in unverfänglichem Sinne von den Völkern anderer Zungen gebraucht wurde, so verband sich doch meist mit dieser Bezeichnung eine Geringschätzung anderer Völker, das Bewußtsein geistiger und körperlicher Überlegenheit des griechischen Menschen über den Nichtgriechen. Jahrhunderte bevor der Jude in seinem