Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5663
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
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13 licher Weise zu. Aus allen Häfen streben die Verfolgten und Bedrückten das Land der Tyrannei zu verlassen. Auch aus den jüdischen Bauernkolonien in Südrußland, deren Vergrößerung bei wachsender Zahl der Einwohner die Regierung hartnäckig verweigert, treibt der Landmaugel viele tüchtige und arbeitsgewohnte Männer nach Argentinien. In dem anderen Paradiese des Antisemitismus, in Rumänien, ist es einstweilen stiller geworden. Die Rumänier haben richtig ihre neue Anleihe bekommen, selbstverständlich von Banken, in denen das jüdische Element eine hervorragende Rolle spielt. Es ist anzunehmen, daß die Geldgeber an ihre Aktien gewisse Bedingungen geknüpft haben, die die augenblickliche Schonzeit für die rumänischen Israeliten bewirkten: gewiß nicht aus Interesse für die Juden, aber um inzwischen die neue Anleihe unter das Publikum bringen zu können. Ist das geschehen und steht nicht wieder ein neuer Pump in Aussicht, so kann die Hetze von vorn beginnen. Die programmartigen Erklärungen der rumänischen Parteiführer lassen keine wirkliche Wendung zum Guten in der Judcnfrage erwarten. Glücklicher ist die Lage der Juden in dem benachbarten vielgeprüften Serbien. Freilich zählen sie dort nur 8000 Seelen. Sie sind politisch ihren christlichen Volksgenossen gleichgestellt — wie denn ein Jude im Reichstage (der Skuptschina) sitzt — und treten vielfach in die gelehrten Berufe ein. In Frankreich hat der Antisemitismus seine politische Rolle für lange Zeit ausgespielt. Die Juden genießen dort von neuem alle Rechte. Bei der im Juli 1903 stattgehabten Truppenschau im Longchamps bei Paris kommandierten ein General, zwei Obersten und ein Oberstleutnant jüdischen Glaubens. Wenn man den Auslassungen deutscher Militärschriftsteller hohen Ranges Vertrauen schenkt, ist trotzdem (!) das französische Heer dem deutschen, das nicht einmal einen jüdischen Leutnant duldet, jetzt mindestens ebenbürtig. Und ebenso auf anderen Gebieten. Ein Jude, Salomon Reinach, wurde zum Direktor des großen Museums vaterländischer Altertümer in St. Germain bei Paris ernannt. In einer wichtigen Angelegenheit steht die Gerechtigkeit