Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5663
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111080-3112427--1742-3112458- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14 auf dem Punkte, den Sieg davon zu tragen: in der des Hauptmanns Dreyfus, die durch einen Kompromiß beendet schien. Aber der Führer der gemäßigten Sozialisten, Jaurös, einer der edelsten und vorurteilslosesten Männer Frankreichs, der auch die Versöhnung mit Deutschland predigt, hat versucht, die „Affäre" wieder in den Vordergrund zu schieben und die Geschichte der falschen Anklage gegen Dreyfus aufzuklären: nach langem Zögern hat die Regierung beschlossen, seinen Anträgen Folge zu leisten und die Sache noch einmal den Gerichten, und zwar den bürgerlichen Gerichten zu überweisen. Es haben sich so viele Beweise für die schändlichen Fälschungen gefunden, mit beiten früher gegen den jüdischen Hauptmann vorgegangen worden, daß dessen endliche Freisprechung und damit der Sieg der Wahrheit und Gerechtigkeit, die Entlarvung der klerikalen Lüge unzweifelhaft sind. Die französischen Juden tun jedoch klug, zeitig der Wiederkehr von Zuständen, wie solche dort vor einigen Jahren geherrscht, vorzubeugen, indem sie ein Schutzkomitee gegen antisemitische Angriffe gegründet haben. Hervorragende Israeliten stehen an seiner Spitze. Frankreich hat seit lange sein Auge auf das letzte der noch unabhängigen Länder Nordafrikas, auf das Sultanat Marokko, geworfen. Einstweilen ist dieses Land freilich noch durch wilde Thronstreitigkeiten und Bürgerkriege zerrissen. Die dortigen Juden, ohnehin dem muselmännischen. Fanatismus überliefert, fürchteten von der gesetzlosen Zeit das Schlimmste. Allein bisher ist man mit ihnen — einige Brandschatzungen abgerechnet — noch glimpflich umgegangen, und der sich immer deutlicher abzeichnende Sieg des der Kultur günstigen jungen Sultans wird ihnen hoffentlich eine längere und sichere Zeit der Ruhe und des Friedens bringen. In London ist zum fünften Male ein Jude, der Großhändler Sir Samuel Marcus, zum Lordmayor gewählt worden. Dieser höchste städtische Würdenträger Englands hat in jeder Weise mit berechtigtem Stolze sein Judentum bekannt. Er hat zu seinem Bankette unter den fremden Gesandten einzig den Rumäniens als den Vertreter eines Vertragsbrüchigen Staates nicht eingeladen; er ist auch nicht der Einladung zu den Jubiläumsfeierlichkeiten nach Peters-