Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 239 (sequence 82)
- Language
- German
- Belongs to
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— 241 — man sich bekennen!" Und meinem Glauben treu sein, dazu Hab' ich mich bekannt. „Und in sich selbst müsse man die Gesetze der sittlichen Weltordnung finden" — und das Gesetz meiner sittlichen Weltordnung ist: heilig zu halten, was der Gott Israels uns geboten. . . . Mein Leid aber Hab' ich in meiner Seele verschlossen und der Madame Eichelkatz Hab' ich keine Vorwürfe mehr gemacht, daß sie durch ihre Erziehung ihn habe in falsche Bahnen getrieben. Was hätt' eine armselige Madame Eichelkatz thun können und aufhatten jemanden gegenüber, der „sich der Menschheit schenkt?" Nebbich! „Sie hat ihn nicht wiedergesehn und auch an ihrem Grabe ist er nicht gestanden, denn ich Hab' ihm durch den Rabbiner schreiben lassen, er solle nicht kommen und darauf hat er nur zwei Zeilen erwidert." •— Er griff nochmals nach dem Buche, nahm einen Papierstreifen heraus, setzte die Hornbrille auf die Nase und las: „Weine nicht, o Vater! Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen nicht ein Anklagen? Klage die Mutter nicht an, in ihrem Grabe . . . klage mich nicht an . . . Deine Seele wird heilen . . . denn Du trägst ein großes Schicksal." . . . Das war das letzte, was ich von ihm vernommen habe. Am Grabe der Madame Eichelkatz wurde keine Thräne vergossen. Dann Hab' ich mich hierhergesetzt, mit Feivel Silbermann ... zu leben Hab' ich gehabt, mehr als genug, und Hab' angefangen nachzudenken über die Menschen und die Dinge. Und alt bin ich geworden und fremd den Leuten. Und der Rabbiner, Doktor Merzbach, ist längst tot und der Kantor Elias und Meyer Nathanson der Schammes, und Saul Feuerstein der Pleitegeiher, und der Doktor Krakauer mit Respekt zu melden und alle andern und die neue Generation kennt mich kaum . . ." lallend kamen die letzten Worte über seine Lippen, sein Kopf sank leise vornüber. Er war vor Mattigkeit eingenickt. Nach einigen Minuten kam er wieder zu sich und Feivel Silbermann brachte ihn in meiner Gegenwart zu Bett. Wir flößten ihm etwas Bouillon und Ungarwein ein, aber er blieb apathisch und murmelte nur noch fast unverständlich: „Ja . . . die Zeiten ändern sich ... die Khille ist nicht mehr fromm" . . . dann schlief er wieder ein. 16