Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 238 (sequence 81)
- Language
- German
- Belongs to
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— 240 — Jid hat seinen eigenen Labnloban oraott. Und es giebt nichts, was so böse ist und so schlimm, wenn er es einem andern anthut, was er nicht als moralisch vertheidigen würde. Ich hab's erlebt, Herr Kreisphysikus . . . ich" . . . er zögerte einen Augenblick ... „ja ... und warum soll ich es Ihnen nicht sagen? . . . Damals, als mein einziges Kind hat verlassen den Glauben seiner Väter, da hat er mir einen Brief geschrieben, ja . . . und darin hat er mir die Notwendigkeit seines Schrittes auseinander gesetzt, und mir mit den feinsten Worten und Gedanken erklärt, wie es die höchste Moral sei, sich zu sich selbst zu bekennen . . . nicht zu dem, was uns andere überliefert haben . . . und wie jeder in sich die Gesetze der sittlichen Weltordnung finden müsse . . . und wie man sich befreien müsse, um fessellos dem Lichte zuzustreben. . . . Nicht festhalten dürfe man au dem was andere uns gaben . . . denn Nehmen ist — Erbarmen! Und wer stark sei, darf aus Mitleid und Erbarmen sich nicht selbst töten. Er aber sei stark und deshalb müsse er erbarmungslos seine eignen Wege wandeln, und ich solle ihm den Schmerz verzeihen, den er mir angethan ... er sei nicht einer von Denen, die still, von einem zum andern geben, wie es in kleinen Kreisen Sitt' und Brauch, er sei einer von den Wenigen . . . von den Ueberreichen . . . ein großer Schenker, der sich der Menschheit schenkt!" Seine Sttmme hatte sich gehoben, während er mir den Inhalt des Briefes vortrug, dann aber setzte er wie ermattet dazu: „Jedes Wort kenn' ich auswendig. Tausend Mal Hab' ich den Brief gelesen, und wissen Sie, Herr Kreisphysikus, damit ich ihn nur gut versteh' und deutlich lesen kann, hat er ihn geschrieben mit hebräischen Lettern." . . . Er schob die Bibel, die immer auf dem Tische lag, näher zu sich heran und entnahm ihr ein abgegriffenes Matt Papier, das er mir hinreichte. Es war der Brief. Ein Schauer der Ergriffenheit durchzog meine Seele. „Was könnt' ich nebbich thun, Herr Kreisphysikus? Dieser Brief war das einzige, was ich je von Philosophie gelesen habe. Dann . . .ja dann setzte ich mich Schiwe! Denn aus dem Brief Hab' ich gelernt: „Zu sich selbst muß