Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 236

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 236 (sequence 79)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3111067-3111078-3112171--1717-3112419
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

238 und Verständig und richtig, und daß die Einsicht einem immer erst kommt, wenn es ist zu spät." ... Er machte eine kleine Pause in seinen mit einer gewissen Hast vorgebrachten Mitteilungen, und blickte trübe vor sich hin. Dann aber, als raffte er sich plötzlich innerlich auf, fügte er hinzu: „Und doch, wenn ich's recht überleg', ist's Wohl nicht schad' und muß so sein und kann garnicht anders sein, denn irren ist Menschlich, Und nur aus dem Irrtum gelangt man zur Erkenntnis. Und der Irrtum ist das Lebendige im Menschen. — Und wenn man Alles weiß, mehr als einem lieb ist, kommt der Tod." Nur der Irrtum ist das Leben und das Wissen ist der Tod ... Alles ist in der Seele dieses Greises, Denker und Dichter ... niemals hat er etwas von ihnen gelesen, kaum ein Name dringt an sein Ohr, und in seinen Betrachtungen krystallisiert sich ihr feinstes Denken. Jetzt wieder, denn nach einer kleinen Pause, sagte er: „Der Tod . . . was ist das, Herr Kreisphysikus? Da weiß man wieder nichts, erst recht nichts . . . nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Kreisphysikus, Sie auch nicht . . . trotzdem Sie haben studiert vom Leben und Sterben . . . und Sie sind ein feiner und gelehrter Mann ... ein ernster und gelehrter Mann ... ich weiß ... ich weiß. . . . Und wenn's einer hätt erlernen können, sicherlich. Sie wären es gewesen . . . aber kann man erlernen die ewigen Rätsel der Natur? Weiß wer, was innenwendig ist? Und darüber kommt auch die größte Gelehrsamkeit nicht hinweg. Ich bitt' Sie, Herr Kreisphysikus, wenn es einen giebt, der mehr weiß darüber, der etwas weiß davon . . . erzählen Sie es mir, ich wäre glücklich, noch was zu erfahren, ehe ich mich niederleg, und werd sein ä toter Mensch, wie ich jetzt bin ä lebendiger Mensch." . . . Ein merkwürdiger Gedanke flog mir durch den Kopf, aber ehe ich ihm noch antworten konnte, sagte er, beinahe etwas hastig: „Ich hab's ja gewußt, Herr Kreisphysikus . . . Sie können mir's nicht sagen . . . warum? weil es keinen giebt, der es hätte rausgebracht . . . niemand weiß was . . . nichts wissen wir." ... Jgnorabimus!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.