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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 235

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 235 (sequence 78)
Language
German
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237 dürfnis, sich noch mancherlei von der Seele zu wälzen, bevor das große, das ewige Schweigen hereinbricht . . . aber er ahnt nichts von meinen Besorgnissen. Er plauderte so in die Dämmerung des frühen Winternachmittags hinein. Die Dämmerung macht mitteilsam und vertraulich ... sie ist die Stunde intim erschlossener Geheimnisse. Und sein tiefstes Erleben hat Simon mir in solcher Stunde anvertraut. „Ich weiß nicht, Herr Kreisphysikus, damals als ich es erfuhr, war es ein Schmerz, als ob man ein Stück Fleisch mir rausgeschnitten hätt' aus meinem Körper. Weh hat es gethan, weh! Und Weh Hab' ich geschrien! Und eine Krie Hab' ich mir geschnitten und auf die Erd' Hab' ich mich geworfen und Schiwe Hab' ich mich gesetzt. Mein Sohn war tot, mein einzig Kind! Die Madame Eichellatz ist stumm und starr geblieben und kein Wort ist über ihre Lippen gekommen, und ich weiß bis heut zu Tag nicht, was sie hat gedacht und was sie hat gefühlt, wie die Nachricht ist gekommen, daß unser einzig Kind sich hat — geschmadt! Geschmadt hat er sich, Herr Kreisphysikusleben! Übergetreten heißt es zu deutsch! Übergetreten! Aus einem Glauben in den andern ... wie man Übertritt von der Straß übern Rinnstein auf's Trottoir! Vom beschwerlichen, staubigen Weg auf den feinen, schönen Bürgersteig! Was sagst de nu?' schrie ich meine Frau an. Aber sie sagte nichts. Sie machte keinerlei Einwendungen, als ich erklärte, bald nach der Schiwe das Geschäft auflösen zu wollen, denn da ich kein Kind mehr habe, wüßte ich nicht, für wen ich arbeiten soll . . .-Alles ließ sie ruhig geschehen, was ich in meinem Schmerz und meinem Zorn beschloß. Sie war „ wie gebrochen. Aber niemand hat erfahren, ob vor Überraschung, vor Leid, vor Reue. . .-sie siechte dahin und ohne äußerliche Krankheit starb sie zwei Jahre nach dem schrecklichen Ereignis. „Zur Straf'," sagten die Leute . . . am gebrochenen Herzen . . . wer kann wissen, was in der Seele so eines Weibes vorgeht? Ich hab's nicht gewußt. Und das war mein Unrecht in dieser Sache. Und wenn ich es damals noch nicht Hab' gewußt, heut weiß ich es! Und das ist schad', Herr Kreis-- physikus, daß man nie weiß zu rechter Zeit, was ist klug

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