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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 234

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 234 (sequence 77)
Language
German
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18. November. Mein alter Freund wird merklich schwächer. Es treten keine bestimmten Erscheinungen hervor, aber: Senectus morbus ipsa. Der böse Winter dringt zu den Thür- und Fensterritzen auch, in die wohlverwahrte und gut durchheizte Stube und nistet sich in irgend einer Ecke ein. Die Jahreszeit an sich ist es, die einem alten, morschen Körper Unbill bereitet. Säße Simon jetzt irgendwo in der Sonne, wer weiß, ob seine 78 Jahre ihn so drückten. Welch wundervolle Greise habe ich im Süden gesehen, in Rom besonders. Die trugen ihre 80 und 90 Jahre mit stolzer Würde und schöner Haltung . . . wir hier im Norden altern viel rascher, vielleicht kommen wir nicht einmal jung auf die Welt. Besonders wir Juden! Es ist ja vieles besser geworden im Laufe der Zeiten, seit man unsere Jugend der sanitären, hygienischen und ästhetischen Errungenschaften des modernen Lebens teilhaftig macht. Sie treiben alle Sport und die Wehrpflicht zwang ihnen eine höchst bedeutungsvolle Notwendigkeit körperlicher Übungen vorteilhaft auf . . ,. dennoch unsere Jugend hat etwas Altes, Bedächtiges, Überlebtes in der Seele .... es ist das Erbteil der vieltausendjährigen Kultur, die uns wohl zum Ruhme gereicht und erhebt unter den Völkern,. die uns aber auch belastet und erdrückt durch die Nachdenklichkeit, die aus unendlichen Lebenssolgen auf uns gekommen ist. Die Naivität und Leichtlebigkeit geht , uns verloren durch diese Überlieferungen und daß diese gerade im Geistigen sich kundgeben, ist ja an sich rühmlich, aber nicht erfreulich, nicht befreiend. Wie schwerlcbig sind wir! Wie abhängig von der Tradition! Wie tief wurzeln wir im Überkommenen! Ich glaube, daß wir schwerer an den Ketten schleppen, die unsere große, historische Vergangenheit uns auferlegt, als an den Fesseln, die die anderen uns anlegen. Und wenn diese Ketten auch aus dem Golde der Treue geschmiedet sind, und aus Perlen der Weisheit aneinandergereiht, sie drücken . . . sie drücken, in einer Welt, in der wir nur geduldet sind .... Fremdlinge! Simon Eichelkatz hat diese Gedanken in mir wachgerufen. Gestern Nachmittag hat er mir wieder vieles erzählt. Merkwürdiges! Es ist, als hätte er das Be-

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