Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 233 (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
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235 Er machte ein verschmitztes Gesicht und sagte: „Wollen Sie's doch versuchen mit Kinder und Enkel, Herr Kreisphysikus, wegen Fortleben in einem andern Lebenssrühling?" Er wiederholte meine Worte mit einer gewissen spöttischen Betonung. „Und Herr Jonas Goldstücker soll Ihnen zur Unsterblichkeit verhelfen?" „Es ist noch nicht so weit, lieber Herr Eichelkatz," antwortete ich scherzend und sreute mich, ihn auf andere Gedanken gebracht zu haben. Ich kam dann unvermerkt auf meine hiesigen Kollegen zu sprechen und auch auf den Sanitätsrat Ehrlich. „Ich kenn' die heitigen Leit nich näher, Herr Kreisphysikus, denn seit ich Hab' anfgegeben mein Geschäft, Hab' ich mich nicht gekümmert um sie. Der jetzige Sanitätsrat Ehrlich is der Sohn von dem Sanitätsrat Or. Ehrlich, was war Vorsteher mit Dr. Krakauer zusammen. Er hat studiert zur selben Zeit mit meinem Sohn. Und Ehrlich hat, wie er fertig geworden ist, sich hier etabliert und hat dann die Praxis von sein Vater übernommen. Und hat sich verheiratet und is zu Ansehn und Vermögen gekommen auf dem selben Platz, wie sein Vater, der jetzt schon is über zehn Jahr tot. Und wenn Sie das mit Fortleben meinen, Herr Doktor, so lebt der alte Sanitätsrät Ehrlich wirklich weiter in seinem Sohn. Man sagt, sogar dieselben Rezepte hat er übernommen. Ein großes Licht ist er nicht, aber ein seiner, geachteter Mann. Ich glaub', er is zur Zeit Vorsteher, wie es damals sein Vater war, und hat geratene Kinder, Söhne und Töchter. Und sein ältster Sohn studiert auch Medizin und wird vielleicht auch mal die Praxis und die Rezepte von seinem Vater übernehmen. Und der alte Sanitätsrat Ehrlich war kein großes Licht, und der jetzige is auch keins und den jungen kenn' ich gar nicht. . . aber jedenfalls das Licht brennt lang, wie ein Jom Kippurlicht, und in der Khille kann man von dieser Familie sagen: Ehrlich währt am längsten!" Und nun lachte er und freute sich über seinen Witz und ich war froh, ihn in besserer Stimmung verlassen zu können, als ich ihn angetrosien hatte.