Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 75)
- Language
- German
- Belongs to
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234 „Und haben Sie niemals etwas von der Unsterblichkeit der Seele gehört, Herr Eichelkatz?" fragte ich ihn. „Seele, Herr Doktor? Was ist Seele? Wo ist sie? Wo sitzt sie? Wie sieht sie aus? Fliegt sie aus'n Körper raus, wenn's vorbei ist? Zum Fenster? Zum Schornstein? Zum Schlüsselloch? Hat's schon jemand gesehen? Hat's schon jemand erlebt? Ich les in meiner Zeitung jetzt manchmal von Geistern, mit denen auserwählte Leute verkehren. Glauben Sie's, Herr Doktor? Ich nicht. Hat's schon einer bewiesen? Meschugge waren sie, oder Betrüger; so is es immer rausgekommen." Ich mußte lachen, wie er so mit wenigen Worten den Spiritismus und seine Auswüchse abthat. „Trotzdem, lieber Freund", antwortete ich, „es giebt vielleicht ein geistiges Fortleben, das in unseren Kindern und Enkeln sich kundgiebt ... ein junger Lebensfrühling, befruchtet von unseres Geistes Trieben". . . Er hüllte sich fester in seine Decke. Ein leichtes Frösteln zog durch seine Glieder. „Herr Kreisphysikus, und die, die keine Kinder haben, und die, von denen die Kinder fortgehen, und die, die ihre Kinder nicht kennen? . . . Ohne eigene Schuld. Warum sollen die. schlechter dran sein, als wie die anderen? Was haben sie gethan, daß sie sollen ausgeloschen sein für immer, und die anderen sollen fortleben? Das glaub ich nicht. Denn wenn ich auch viel in der Welt Hab' geseh'n, wo ich mich Hab' gefragt: warum? so Hab' ich doch nichts gesehen, was wär' ohne bestimmten Plan und ohne zwingende Ursach', das Gute und das Böse. — Die Sach' hat mir können nich gefallen und ich Hab' können sie als schlecht oder falsch empfinden, aber ein Gesetz, hat sie gehabt, nach dem sie hat sich müssen vollziehen" .... Da war er wieder mitten im Kantischen und instinktiv drängte sich ihm der kategorische Imperativ auf. Ich wollte ihn nicht ermüden durch.' zu vieles Denken und sagte: „Übrigens, Herr Eichelkatz, ich wollte Sie heute über einiges fragen, was mich persönlich interessiert. Wer ist der Herr Jonas Goldstücker?"