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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 231

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 231 (sequence 74)
Language
German
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— 233 — doch verschaffen, und er fühlte sich augenscheinlich viel behaglicher, als er den warmen Trank zu sich genommen hatte: „Merkwürdige Sach', Herr Doktor, daß der Mensch vereist, wenn seine Zeit gekommen ist. Man stirbt nicht, sondern man erfriert. Gerade wie draußen in der Natur alles vor Käst erstarrt, wenn's so weit ist, und alles Leben erstirbt, weil die Sonne fehlt, die große Wärme. — Was in uns gerinnt, ist die Lebenswärme, das Blut ... da ist kein Kraut dagegen gewachsen. Entschuldigen Sie, Herr Kreisphysikus, daß ich das so aufrichtig sag'. . Aber in meinen Jahren macht man keine Faxen nicht mehr, und denkt sich allerlei . . . über Leben und Sterben. Und ich habe Sie immer gefunden als einen vernünftigen Mann, dem man kann alles sagen und wenn ich jetzt sag': wenn der große Winter kommt über den Menschen, kann einem nichts helfen, kein Doktor, kein Thee und kein Glühwein, so wern Sie mir das auch nicht vor übel nehmen." „Aber auf den Winter folgt wieder der Frühling," sagte ich, mehr um ihn zu beruhigen, als überzeugungsvoll. Er mochte das auch fühlen, denn er lächelte wehmütig, und ein Schimmer von Verklärung breitete sich über sein welkes Antlitz. Eine Verklärung, die uns mit Ewigkeitsschauern erfüllt, wenn wir vor einem Abgeschiedenen stehen. „Wie der Frühling ist, der unserm Lebenswinter folgt, hat noch kein Mensch gesehen. Ich glaube, es ist ein ewiger Winter, und wenn aus den Gräbern ein neues Leben erblüht, so ist es wieder ein Anfang, der aus sich selbst beginnt, und nicht an ein Ende anknüpft, das ohne Ende ist." Er sah nachdenklich vor sich nieder. „Ich denke mir, Herr Doktor, der Tod ist das einzig Wirkliche aus der Erde, und das Leben ist nur Schein. Denn das Leben wechselt jeden Augenblick und vergeht, und der Tod verändert-sich nicht und bleibt ewig. Ich bitt' Sie, Herr Kreisphysikus, wenn der Mensch alt wird, lebt er siebenzig und etwas drüber, und tot ist er Millionen Jahr'. Haben Sie schon gehört, daß jemand hat zweimal gelebt, oder daß er ist zweimal jung gewesen?" Ich hatte es nun schon öfter beobachtet,'aber immer auf's Neue überraschte mich die tiefe Nachdenklichkeit des Greises.

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