Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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231 geschichte an ihn stellen, als er plötzlich sagte: „Glauben Sie, Herr Kreisphysikus, daß gut und edel sein und seinen Mitmenschen helfen Glück bedeutet?" „Haben Sie einmal von Göthe etwas gelesen oder gehört?" antwortete ich seine Frage umgehend. „Nein, Herr Doktor, gelesen nicht, aber von ihm sprechen habe ich gehört." ' ■ „Dieser Göthe sagt: edel sei der Mensch, hilfreich und gut . . . ob er damit den Menschen den Weg zum Glück weisen wollte, mein lieber Herr Eichelkatz?" „Wer kann wissen?" 11. November. Den nebelschweren Herbsttagen ist endlich ein klarer Winter gefolgt. Es hat seit einigen Tagen geschneit, und morgens malt der Frost an die Fensterscheiben krystallene Blumen. Heute früh habe ich einend merkwürdigen Brief von meiner Mutter gehabt in einer Tonart, die mir ganz fremd an ihr ist. Sonst pflegte sie jede Einmischung in meine Privatangelegenheiten zu vermeiden, und nun schreibt sie mir mit einemmal, sie fände es nicht richtig, daß ich mich so abschlösse von jedepi Verkehr und keinerlei Beziehungen anknüpfe mit den angesehenen Mitgliedern in der Gemeinde. Sie hätte aus sicherer Quelle erfahren, daß sehr feine und gebildete Familien in Reißnitz lebten, die sich glücklich schätzen würden, mich bei sich zu sehen und wohl schon empfindlich sind, daß ich mich bei ihnen nicht einführe. Selbst bei den Kollegen nicht, die doch begründeten Anspruch darauf hätten. Im Hause des Sanitätsrat Ehrlich würde ich sicherlich die Anregung und Zerstreuung finden, deren ich in meinem schweren Beruf nach angestrengter Tagesarbeit unbedingt nötig habe. Es sei für einen Junggesellen immerhin mißlich, sich zu isolieren, er käme dadurch zu eigentümlichen Gedanken und Gewohnheiten und neige zu Sonderlingsmanieren. Wer denn ein gewisser Simon Eichelkatz sei, dem ich meine ganze freie Zeit widme? Und für einen Arzt sei es überhaupt notwendig, daß er heirate. Es sei wegen des Vertrauens und wegen der Repräsentation erforderlich, und ich hätte schon viel zu lange gezögert und hätte als Kreisphysikus längst eine Frau haben müssen, .denn in solche Stellung gelangt man. doch