Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 228 (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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230 meinem Laden gesessen bin, Hab' ich angefangen über diese Dinge zu grübeln und seit jener Zeit Hab' ich mich gewöhnt, mir das und jenes zu überlegen, für mich allein, denn ich Hab' keinen Menschen gehabt, mit dem ich mich Hab' ausreden können. Aber wissen Sie was, Herr Doktor, ich glaub zum Nachdenken is man besser allein. Und wie ich damals so allein bin dagesessen, is der Doktor Merzbach vorbeigekommen. Während der Rabbiner mit mir sprach, kamen quer übern Ring der Rittmeister von Blücher und der Major von Schmidt auf uns zu. Beide traten heran und begrüßten den Rabbiner, der bei den Christen hoch in Ansehen stand. „Guten Tag, Herr Doktor," rief der Rittmeister und lachte, „wissen Sie was Neues? Morgen laß' ich den Juden Haberstroh füsilieren, der uns aus Oswiecim als Spion eingeliefert wurde. Soll da bei Neuberun den Oesterreichern Dienste geleistet haben." . . . Doktor Merzbach erwiderte ruhig: „Da Sie es lachend sagen, bin ich unbesorgt, Herr Rittmeister, und verstehe Ihren Scherz. Sie würden nicht lachen, wenn es sich ernstlich um ein Menschenleben handelte. Uebrigens ist das wirklich eine fatale Geschichte, daß grade dieser brave, ordentliche alte Mann in den falschen Verdacht kam und eingeliefert wurde." ... „Ja, was machen wir nun mit dem Kerl, Herr Doktor? Nach Kriegsrecht müßte er eigentlich längst tot sein, fragen Sie nur einmal den Herrn Major." „Ich zweifle nicht an Ihren Worten, Herr Rittmeister, aber ich weiß auch, daß beide Herren nicht einen armen, unschuldigen Menschen auf eine bloße, nicht bewiesene Anschuldigung hin werden töten lassen. Ich verbürge mich für Haberstrohs Unschuld!" „Na, na Herr Doktor, sollen wir uns dann an Sie halten?" Mit diesen Worten verabschiedeten sie sich scherzend vom Rabbiner und Haberstroh wurde nicht füsiliert. Nach einigen Tagen stellte sich heraus, daß er auf die gehässige Denunziation eines Konkurrenten verhaftet worden war. Doktor Merzbach hatte die Beweise dafür herbeigeschafft und sie dem Rittmeister übergeben. Er war selbst zu diesem Zwecke nach Oswiecim gefahren. So griff er überall hilfreich und thatkräftig ein." Ich wollte, grade noch eine Frage über die Spionen-