Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 227 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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229 nur so gut . . . das kann vielleicht ein Teil davon sein, aber das Ganze ist es nicht. Das was alle Menschen zu besitzen wünschen, ist nicht das Glück, wie es der Einzelne sich ausdenkt, denn es hängt von der Natur jedes Einzelnen ab . . . und so viel Menschen auf der Erde leben und gelebt haben, so viel verschiedene Glücke giebt es . . . oder wenn Sie wollen, Herr Kreisphysikus, es giebt überhaupt keins. Denn was man nicht sehen kann und sagen: so und so ist es . . . ist das überhaupt da? Und ich kann sagen, das ist ein Apfel und das ist eine Kartoffel und das ist meine Tabakspfeif' . . . aber ich kann nicht sagen: das ist das Glück! Wie sieht es aus? Rund oder lang, breit oder schmal? Lachen muß ich, wenn ich mir denk', die Madame Eichelkatz nee Böhm und der Simon Eichelkatz hätten sagen sollen, das ist unser Glück ... so sieht es aus ... so soll es aussehen." ... Er winkte.mit der Hand: „Ich weiß Alles . . . ich weiß, was Sie sagen wollen, Herr Kreisphysikus und was damals der Herr Rabbiner auch gesagt hat: uuser Sohn! Wissen Sie, wie die Madame Eichelkatz sich diesen Sohn gedacht hat? Groß und berühmt in der ganzen Welt, daß der Herr Oberstleutnant von Boddin hätte Augen gemacht und die Frau Steuereinnehmer Antonie Metzner, ihre Busenfreundin. So hätt ausgesehn ihr Glück. Ehrgeizig war sie und stolz und hat französisch gekonnt. Und wissen Sie, wie ich mir meinen Sohn gedacht Hab? Ein guter, feiner Mensch, ein ehrlicher Jud, der mein Geschäft übernommen hätt . . . poschet war ich und arbeitsam und die Waar' Hab' ich verstanden, . . - Und glauben Sie mir, Herr Kreisphysikus, eine Madame, die französisch spricht und ein Jud, der Cottbusser und englisches Tuch aufm ersten Blick unterscheidet, ohne anzufassen, haben ganz verschiedene Vorstellungen von Glück!" Ich folgte seinen Worten mit wachsendem Erstaunen. Wie bilden diese Jndividualitätsbegriffe einerseits, diese scharf umgrenzten Ideen über Eudämonismus sich im Geiste dieses weltstemden alten Mannes? fragte ich mich. Von wannen kommt ihm diese Wissenschaft? Während diese Fragen sich in meinem Hirn kreuzten, begann er aufs Neue: „An jenem Nachmittag, wo ich in der Sonn' vor