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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 226

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 226 (sequence 69)
Language
German
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228 Das fehlte bei uns ganz, und ich blieb für Frau und Kind immer ein Fremder. Sie suchte ihm die Kameraden aus in den christlichen Kreisen, in denen sie verkehrte, und so wie sie ihn dem Vater entfremdete, entfremdete sie ihn auch der Jüdischkeit. Nach außen wurde ja das Notwendige festgehalten, aber innen sah es traurig aus, und der Knabe hat keine gesunde und feste Basis bekommen für spätere Zeiten. Heute weiß ich das, Herr Kreisphysikus. Früher habe ich es nicht so klar zu erkennen vermocht. Aber, wie damals der Doktor Merzbach ist zu mir gekommen, da ist mir alles eingefallen und ich habe ihm alles gesagt, auch daß es zu spät sei, es zu ändern, da mein Sohn fast 19 Jahr alt ist und nun aus dem Hause käme. Er hat das Wohl eingesehen, denn er erwiderte nichts weiter aber als ich ihm sagte: glauben Sie mir Herr Rabbiner, wenn zwei Menschen zusammengespannt sind und gehen nicht gradeaus, Hand in Hand denselben Weg, und eins zieht rechts und das andere links, so können sie nicht an ein gemeinsames Ziel kommen. Und sie haben auch gar keins", da schüttelte er. seinen Kopf und fragte: „Und die Zukunft Ihres Sohnes?" ... Die wird sich wohl jeder von uns anders denken und wünschen, Herr Rabbiner, antwortete ich. Und so ist's auch gewesen, Herr Kreisphysikus, was sie sich gewünscht hat, ist eingetroffen, ihr Sohn ist ein sehr berühmter Mann geworden. Erlebt hat sie's ja nicht und ich, der's erlebt hat, Hab' mir's nicht gewünscht." Er hielt inne, als überlege er seine Worte und fügte hinzu: „Sie. müssen mich nicht falsch verstehen, Herr Kreisphysikus. Aber' was hat unser persönliches Glück mit äußern Erfolgen zu thun? Was kann man jemals von andern empfangen, was man nicht in sich trägt? Hat nicht jedes Glück ein anders Gesicht? Hat nicht jedes Glück einen andern Namen? Heißt es nicht bei einem Ehre, beim andern Reichtum, beim dritten Schönheit, beim vierten Rühm? Hat es nicht tausend Namen und tausend Gestalten? Und haben Sie schon je zwei Menschen gesehen, die dasselbe für Glück hielten? Es giebt ja vielleicht einige Begriffe, die man dafür ansieht . . . Zufriedenheit, Gesundheit, Pflichterfüllung Reichtum . . . aber, lieber Herr Kreisphysikus . . . das klingt

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