Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111078-3112171--1705-3112407- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
226 läßt, ihn rasch wieder über die Beschwerden hinweghilft. Meine ärztlichen Anordnungen werden von ihm so genau und pünktlich erfüllt, daß ich ihrer Wirkung sicher sein kann. Wir hatten unfern Patienten für einige Tage ins Bett gesteckt, aber seit heute ist er auf und Nachmittag hatte ich ihm seine Pfeife erlaubt. Das hob seine Stimmung sofort und er wurde gesprächiger. Da ein leichter Schimmer von Sentimentalität noch über seiner Seele lag, was man bei Rekonvaleszenten häufig beobachten kann, kam er endlich wieder einmal auf sein persönliches Erleben zurück. Er erinnerte sich einer Krankheit, die er im Jahre 1867 gehabt hatte. Im Spätsommer. Eine Art Ruhr oder cholera nostras, die damals epidemisch aufgetreten war. Die eigentliche Erkrankung dauerte nur einige Tage, aber nachher „war ich so schwach" sagte er, „daß ich keine Hand Hab rühren können. Ich erinner' mich wie heut wie ich bin gesessen vor dem Laden in der Sonne, damit ich wieder etwas Wärme krieg' in meine Knochen, die nur so klapperten. Ein Feivel Silbermann Hab' ich damals nicht gehabt, der mich gepflegt hätte." „Und Ihre Frau?" fragte ich. „Meine Frau war nicht zu Haus. Sie war in Warmbrunn mit unserm Sohn, der sich sollte erholen. Er hatte grade sein Abiturientenexamen bestanden. Sehr gut, Herr Kreisphysikus, ausgezeichnet. Man hatte ihm sogar erlassen ein Teil von seinem mündlichen Examen. Die ganze Stadt sprach davon, und als am Nachmittag der Herr Professor Lebeck in den Laden kam, um sich Tuch auf ein Paar neue Hosen zu kaufen, sagte er zu mir: „Sie können stolz sein auf Ihren Sohn, Herr Eichelkatz, der macht Ihnen und unserm Gymnasium alle Ehre. Seit langer Zeit hatten wir keinen so begabten und fleißigen Schüler." Die rote Nase von Lebeck leuchtete dabei, als ob er gradenwegs von Heimann zu mir gekommen wäre. Natürlich Hab' ich ihm den Hosenstoff sehr billig berechnet und im Hinausgehen wiederholte er nochmals: „Ja, Ihr Sohn, aus dem wird mal was besonderes werden." ... Nachdenklich sah er vor sich nieder, dann blies er eine starke Tabakswolke in die Luft und fügte hinzu: „Glücklicher-