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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 222

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 222 (sequence 65)
Language
German
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222 und empfand die Wohlthat einer geheizten Stube und den Segen geordneter Verhältnisse doppelt zufrieden. Jedes Zeichen von Wohlstand wurde mit erhöhtem Interesse beobachtet und ein neuer Wintermantel, den die Frau des zweiten Beisitzers der Repräsentanten an Sukkoth das erste Mal in Schul anhatte, erregte das höchste Aufsehn. Frau Wilhelm Weinberger war die Frau eines begüterten Mannes, und er hatte ihr von der Leipziger Mess' das Stück mitgebracht. Ich seh's noch heut vor Augen, als wär's gestern gewesen und auch die andern Männer hab'ns gut im Gedächtnis gehabt, denn sie kennen sich denken, Herr Kreisphysikus, daß er eben so viel Neid wie Aussehn erregt hat, und es wird sich zu Haus nach Schul bei den meisten etwas gethan haben wegen dem Mantel der Frau Wilhelm Weinberger. Dunkelblau war er, von feinstem - Bukskin, innen abgefüttert mit weiß und lichtblau gestreiftem Tuch und unten rum besetzt mit * einem breiten Streifen von schwarzem Krimmer. Der Besatz war auch auf den Ärmeln und als Kragen um den Hals angebracht — ein Prachtstück sag' ich Ihnen, Herr Kreisphysikus!" Er kicherte wieder. vor sich hin, wie gewöhnlich, wenn ihn innerlich etwas belustigte. Ich wußte nicht, ob ihm der Wintermantel von Frau Wilhelm Weinberger noch jetzt nach mehr als vierzig Jahren so viel Spaß machte, oder andere Erinnerungen, die sich daran knüpften, denn erst nach längerer Pause fuhr er fort: „An der Gemeindeschule waren damals neben dem Lehrer Sandberg noch der Lehrer Deutsch und der Lehrer Herrnstädt angestellt, und daneben noch zwei Hilfslehrer für die untersten Elementarklassen; alle waren verheiratet und mit Kindern gesegnet, dafür war ihr Einkommen weniger gesegnet. Die Khille war nicht in der Lage, auskömmliche Gehälter zu geben und hatte schon einen verhältnismäßig großen Ausgabeetat für ihre Kultusbeamten. Die Lehrer vermochten also nur mühselig ihre Familien bekowet zu ernähren, und in schlechten Zeiten, wo jeder.Nebenverdienst mit Stundengeben und sonstigen kleinen Beschäftigungen aussiel, waren sie nebbich sehr schlecht daran. Bei Sandberg ging es noch an, denn der war an den freien Nachmittagen als Schreiber bei der Gemeinde thätig, führte die Akten und

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