Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 221 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111078-3112171--1702-3112404- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
221 23. Oktober. Ich hatte meinen alten Freund heute am Spätnachmittage aufgesucht in der Erwartung, daß er mit der Erzählung seiner Lebensschicksale fortfahren werde. Des Sohnes war Erwähnung geschehen, wenn auch nur flüchtig, aber ich hoffte im Stillen, daß er darauf zurückkommen würde, nachdem er einmal angefangen hatte, sein Herz vor mir auszuschütten. Heute aber sagte er nichts, was daran angeknüpft hätte. Ich fand ihn in heiterer Stimmung, als ich bei ihm eintrat, und als ich noch in der Thür war, rief er mir zu: „Heut is mir eingefallen, daß ich Ihnen mal Hab' erzählen wollen eine Maiße, die is zur Hälft' lustig, zur anderen traurig. . ." Und es blieb heut beim Anekdotischen. Von feinen Schicksalen sprach er nicht ein Wort, dagegen habe ich die Geschichte von der Teuerungszulage gehört. Simon Eichelkatz hat recht, es ist eine tragikomische Geschichte. „Es war ein Hungerjahr nach dem Kriege 1859, Krankheiten überall, schlechte Ernte und schlechte Verdienste, die Kartoffeln in der Erde verfault durch Regengüsse und Überschwemmungen, Man muß solche Jahr hier erlebt haben, Herr Kreisphysikus, um das Elend und die Not der Menschen richtig kennen gelernt zu haben. In den Hüttengegenden überall der Hungertyphus, gegen den die verdummten Arbeiter und Bauern nur ein Mittel zu haben glaubten, die Schnapsflasche. Die Kinder und Weiber krepierten aus ihren stinkigen, faulen Strohlagern, die Männer im Rinnstein . . . schön is anders, Herr Kreisphysikus; und gebessert haben sich die Zeiten doch. Den Unterschied kann sich jeder wünschen, reich zu sein zwischen heut und vor vierzig Jahren. Ünd deshalb is es ein Unsinn, immer von gute, alte Zeiten zu sprechen. Besser is es geworden in der Welt, viel besser . . . Das sag ich Ihnen, ein alter Mann. Der Winter damals war schrecklich. Zwar der Typhus ließ nach beim Eintritt der kalten Jahreszeit, aber dafür hatten die armen Leute unter der Kälte zu leiden. Jeden Tag fand man Erfrorene beim Straßengraben Und wenn es auch meist Schikurim waren, Menschen sind's doch,, und man war entsetzt über solche Vorfälle. In den Familien rückte alles dichter zusammen