Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 220 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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220 kommen Sie zu dem Mann?" hat sie einmal der Oberstleutnant von Boddin gefragt, als er vor der Thür des Ladens neben ihr stand: „das ist eine rechte Mesalliance." Und ich habe hinter dem Ladentisch gestanden und ich Hab gefühlt, daß es eine große Beleidigung is, wenn ich auch nich wußte, was das Wort bedeutet, aber ich Hab' nich hingehn dürfen und ihn Niederschlagen ... ich bitt' Sie, Herr Kreisphysikus, ein Jüd und ein Herr Oberstleutnant. . . aber gemerkt Hab' ich mir das Wort und immer wiederholt: Mesalliance Mesalliance . . . und dann Hab' ich den nächsten Schabbes, nach Mairew den Herrn Rabbiner gefragt, was es bedeutet, und wie er mir hat erklärt: Mißheirat, bin ich ganz ruhig geworden mit einem Mal und Hab mir gedacht, da hat der Herr Oberstleutnant doch ganz recht, das war wirklich eine Mißheirat! Eine mieße Heirat, sag' ich Ihnen, Herr Doktor, und is auch nich besser geworden, durch unfern Sohn, den sie im zweiten Jahr nach der Hochzeit geboren hatte. So lange ihr Vater, Herr Josef Böhm, noch lebte, hat sie wenigstens noch etwas Rücksicht genommen, aber nach seinem Tode hörte das auf. Sie suchte sich eine eigene Gesellschaft. Ging um mit den Gojim, mit der Frau Rechnungsrat und der Frau Kanzleirat und solche vornehme, dalfendige Leut, die von ihr, der wohlhabenden Frau, manche Annehmlichkeiten hatten. Dann kam das Unglück mit dem Oberstleutnant und den Ofsizieren, die mit der schönen Judenfrau sich ihren Spaß machten. Sie wurde immer eingebildeter und närrischer, schämte sich ihres Mannes, und eines Tages hatte sie sich Visitenkarten machen lassen: „Madame Eichelkatz nee Böhm"; seitdem wurde sie in der Khille nicht mehr anders genannt. Man fing an, sie zu verachten und mich zu bemitleiden." Es war spät geworden. Ich hatte noch eine Krankenvisite zu machen und verabschiedete mich von meinem alten Freunde. Mit Spannung sehe ich seinen weiteren Mitteilungen entgegen und als ich über den Ring schritt, an den Kaufläden vorüber, erblickte ich plötzlich im Geiste einen fleißigen, arbeitsamen, gedemütigten Mann hinter seinem Ladentisch stehen und vor der Thür eine Frau und ich murmelte vor mich hin: „Madame Eichelkatz nee Böhm."