Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 218 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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218 „Und dennoch war die jüdische Ehe im Großen und Ganzen selten unglücklich" warf ich ein. „Das kam daher, Herr Kreisphysikus, weil sie sich ganz auf sich selbst beschränkt sah, auf das Haus, auf die Kinder, höchstens noch auf die Mischpoche. Nichts Fremdes trat hinzu, nichts von Außen ... in engster Gemeinschaft zweier Menschen spielte sich das Leben ab. Heut is das anders, wenn es aber anders war zu meiner Zeit, is es gewesen ein Malheur. Und ein großes Malheur war es, daß Frau Friederike Eichelkatz geborene Böhm hat gelernt französisch sprechen. Im ersten Jahre is es ja noch gegangen. Sie hat zwar immer schon gespottet, daß sie hat einen ungebildeten Mann, der nichts anderes hat gewußt, wie ob die Waar' is gut oder schlecht und auf'n ersten Blick hat er zu unterscheiden verstanden, ob ä Stück Tuch is aus Cottbus oder aus Brünn, ob deutsches Fabrikat oder englisches, und ob der Einschuß ist baumwollen oder gezwirnt und ob die Qualität der Woll is rein oder nich . . . das war gut fürs Geschäft, aber nich für die Ehe. In einer Eh muß man andere Sachen wissen, um glücklich zu werden. Und wenn meine Frau mich so höhnisch fragte: „In Tarnow kann wohl kein Mensch französisch?" da Hab ich genug gehabt für die ganze Woch. Aber ich Hab geantwortet und das war das Unglück, und erst, wie ich Hab einsehn gelernt, daß es am besten ist, still zu sein, ganz still, Hab ich Ruhe gehabt, aber bis ich das eingesehen Hab', wars zu spät. Ich glaub immer, Herr Doktor, man wird zu alt, bis man gescheidt wird. Für sich selbst hat man nichts mehr davon und die andern, die Jungen wollen ihre Dummheiten auch wieder allein machen, und so is es eigentlich für nichts, daß man wird gescheidt." „Wie können Sie so etwas sagen, Herr Eichelkatz? Habe ich nicht die Freude, aus dem Schatz Ihrer Erfahrungen so vieles zu hören, was mich interessirt, was mich nachdenklich stimmt? Geben Sie mit Ihren Geschichten aus der Khille mir nicht das Abbild einer Zeit, das für jeden, der sein Volk liebt, in Schmerzen und in Treue liebt, bedeutungsvoll ist? Und dann sind Sie aus den Ereignissen und Erlebnissen, aus denen Sie „gescheidt" geworden sind, gleichviel ob ftüher