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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 215

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 215 (sequence 58)
Language
German
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215 paar Jahr. Aber die paar Jahr sind lang und jedes Jahr hat 12 Monate und jeder Monat 30 Tage und mancher sogar 31 und jeder Tag 24 Stunden und jede Stunde 60 Minuten und jede Minute 60 Augenblicke und in jedem dieser Augenblicke härmt man sich und kränkt sich und durchlebt sein ganzes Leid immer wieder." Er machte eine nachdenkliche Miene. „Wissen Sie, Herr Kreisphysikus, man sagt so, das Leben des Menschen sei kurz und was sind 70 Jahre und wenn es hoch kommt 80 Jahre in der Unendlichkeit der Zeit? Wie ein Augenblick. Und ich sage Ihnen, jeder Mensch, der überhaupt ausreift und eine höhere Altersgrenze erreicht, lebt tausend Jahr' denn in jedem Momente, wo er etwas erlebt, ist es immer ein ganzes Leben, das sich in diesem Augenblick zusammendrängt. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, Herr- Doktor. Ich meine nicht, das, was so unsere tägliche Existenz ausmacht, unsere Gewohnheiten und Bedürfnisse. Ich meine, was wir in unserer Seele durchmachen. Und jede dieser Empfindungen ist eine ganze Welt für sich, ein ganzes Leben . . . und Alles was in uns ist, wird mit einem Schlage wach und lebendig und macht die Sache mit uns durch, und überall spüren wir es und jetzt denken Sie, Herr Kreisphysikus, wie viele Momente jeder in sich erlebt, wie viele tausende Leben, und darnach müßte man unser Alter bemessen und wenn einer is hoch in die Siebzig, so wie ich Herr Doktor, und hat so Vielerlei durchgemacht, dann war sein Leben nicht kurz, sondern tausend Jahr lang und darüber." Wieder stand ich vor dem Räthsel, wie dieser schlichte Greis zu philosophischen Deduktionen kam, die jedes Gebiet streiften und mit eigentümlicher Denkkraft die schwierigsten Probleme spielend zu durchdringen vermochte. Unbewußt, nur von einer Intuition geleitet, die sicher und scharf dort einsetzte, wo andere tastend und erratend den Weg der Wahrheit suchen. Hatte er denn nicht instinktiv das Richtige getroffen, wenn er die Dauer des Lebens, nach seiner Intensität bemaß, nicht nach der Zahl der Jahre? Was mochte Simon Eichelkatz nur erlebt haben? Als lese er diese Frage auf meinem Gesicht, fuhr er fort:

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