Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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— 210 behagte, in sein eigenes Erleben zurückzublicken. Er fühlte wohl auch, daß es nicht banale Neugier ist, sondern aufrichtige Anteilnahme, die mich zu ihm führt. Als ich mein Tagebuch anlegte, dachte ich, es würde das Treiben und Thun des Tages hier erzählen, das Allerneueste, und nun wird es zu einem Buch der Erinnerungen eines Greises. Aber es ist besser so. Der Alltag hier ist reizlos und monoton. Die Menschen, so wenig ich sie kenne, scheinen konventionell. Das Typische, das Simon Eichelkatz vor mir aufrollt, fehlt der heutigen Generation. Je mehr die Juden sich akklimatisiren, desto mehr büßen sie ein von ihrer Eigenart, und wenn das auch nicht im allgemeinen zu beklagen ist, so geht damit doch eine Menge von Originalität im guten und schlimmen Sinne verloren. Was davon in die moderne Zeit hinüber gerettet wurde, giebt sich als Individualismus, der einen.so großen, bedeutungsvollen Raum einnimmt im modernen Leben und ich glaube, wenn unter den Juden sich sehr starke Individualitäten finden, so ist das noch auf jene Zeit zurück zu führen, wo die Gesamtheit darauf bedacht war, Eigenart und Stammesmerkmale zu bewahren. Heute strebt man gerade bei den Juden das Gegenteil an. Ich aber will die Vergangenheit sesthalten. Eigentümliches und nicht immer Erfreuliches läßt Simon Eichelkatz vor mir aufsteigen. Wenn man es aber im verklärenden Lichte der Rückschau betrachtet, wenn man die richtige Distanz dazu nimmt, dann kommt es wie Versöhnung und Milde über die Seele. Gab die Engnis und Bedrängnis des jüdischen Lebens, die Einseitigkeit der Interessen, der Mangel an jedem weiten Ausblick, das Fehlen einer Weltanschauung mit festen ethischen Grundsätzen ihnen nicht die Prägung? Waren die Vielen, viel zu Vielen unter ihnen nicht doppelt klein und minderwertig, weil die wenigen Großen allzu groß waren? Mußten aus diesen Gegensätzen nicht Schroffheiten, Häßlichkeiten erwachsen, die um so schlimmer waren, weil sie unter dem Druck entstanden, heimlich und heimtückisch auftraten. Wenn ich's recht überdenke, so ist mein Mitleid größer als mein Abscheu, gegen die, die in den alten Gemeinden die Träger des Gedankens einer Fortentwicklung im Judentum kreuzigten und verbrannten. Sonderbare Heilige! Meyer Nathansohn, der'