Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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209 „ Disziplinarverfahren nennt man das, Reb Schime" warf ich lachend ein. „Ich weiß nicht, wie man es nennt, aber ich weiß, daß es eine Schaub' war, daß eine so große Gemeinde wie die unserige. auf der Versammlung nicht vertreten war durch ihren Rabbiner, einem feinen Talmudchochem, mit einem guten Namen von höchstem Jiches, sondern durch einen Amhorez, der von der Jidischkeit nicht mehr wußte, als was ein roher Lederhändler und eine jüdische Köchin ihm zeigen konnten." Er hielt plötzlich inne. „Ich kränk' mich und verbittre mich, wenn ich daran denk, Herr Kreisphysikus. Und wie mau schwach und ohne Einfluß hat zuseheu müssen solchen Dingen. Da war nichts zu machen. . ." Nachdenklich und abgespannt sah er vor sich hin und ich benutzte den Augenblick, um mich von ihm zu verabschieden. Ich wollte nicht, daß er noch mehr erzähle, so sehr mich seine Mitteilungen interessierten. Draußen empfahl ich Feivel Silbermanu, zu sehen, daß sein Herr möglichst früh zur Ruhe gehe. 18. Oktober. Jetzt weiß ich endlich etwas über das Schicksal von Simon Eichelkatz. Wie in Selbstvergessenheit kramte er in seinen Erinnerungen. Und da sein Leben so ganz mit dieser Gemeinde verknüpft ist, kam er unwillkürlich auch auf sich zu sprechen. Ich bekenne, daß ich, ohne indiskret sein zu wollen, ihn darauf brachte. Denn so sehr mich Gestalten und Verhältnisse, die er vor mir auferstehen läßt, auch interessiren, so gehören sie doch der Vergangenheit an und haben eine mehr kulturhistorische Bedeutung. Dieser alte Mann aber ragt aus der Vergangenheit in die Gegenwart, freilich mehr betrachtend als handelnd, und doch, ein Teil seines Seins setzt sich fort auf dem Boden der Wissenschaft, im modernsten, fortgeschrittensten Geistesleben. Welche Evolutionen von Simon Eichelkatz zu Friedrich Eichner! Aber ich hoffe, dieses Leben kennen zu lernen, das hinübersührt aus der engen Khille in die weite Welt. Mein alter Freund war gestern sehr gesprächig. Ich hatte das Gefühl, daß es ihm 14