Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 208

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 208 (sequence 51)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111078-3112171--1689-3112391
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

208 läßt kommen einen Rabbiner aus Berlin. Haben Sie so was schon in Ihrem Leben gehört? Ä Primadonna! Und der kommt und hält die Weiherede und verdrängt den heimischen Rabbiner und der Dr. Krakauer und Meyer Nathansohn, der Khilleversorger, und Saul Feuerstein, der Pleitegeiher, triumphieren. Und mit ihnen die „Gegenpartei", der die ganze Sach' sowieso nicht gepaßt hat — überhaupt die neue Synagoge. Ich glaube, Dr. Merzbach hat damals sehr viel gelitten und sich bitter gekränkt, aber beklagt hat er sich nicht, und die Freude an seinem Werk hat er auch nicht verloren. Und als er am ersten Schabbes nach der Einweihung auf der Kanzel stand und Gott dankte, daß er der Gemeinde die Gnade verliehen hat, dieses Haus errichten zu können, und als er der Gemeinde dankte, daß sie opferwillig und treu ausgeharrt und das schwere Werk gefördert habe, und als er diese ihrem Schutze, ihrer Treue und ihrer Frömmigkeit empfahl, eine Stätte der Erhebung, der Erbauung, des Trostes, des Glaubens, da blieb kein Auge thränenleer und jeder fühlte, daß erst an diesem Schabbes die eigentliche Weiherede gehalten worden war. Der Synagogendiener und Schabbesgoj Marek aber erzählte, daß die Leute,- als sie aus Schul kamen, gesagt hätten: ,Wenn auch einer aus Berlin kommt, ä Dr. Merzbach is er nich!' Was aber die anderen sich untereinander sagten, das erklärte die Rebbezin, als sie die Synagoge verließ, die schwarze Mantille, die sie damals dem Lehrer Sandberg umgehängt hatten, stolz um die Schultern geschlagen: „Die Einweihung der neuen Synagoge hat erst am heutigen Schabbes stattgefunden. Gelobt zu Gott, durch den, der seit zehn Jahren seine ganze Kraft an das Gelingen des Werkes setzte." Sie sagte das, als sie auf der obersten Treppenstufe stand, die vom Seitenportal auf die Straße hinabführte, und so laut, daß der unten in der Nähe stehende „Khilleversorger" es hören konnte, hören sollte, wahrscheinlich. Nachmittags hatte er es bereits dem Vorsteher rapportiert Und die Folge davon war, daß zu der einige Wochen später in Berlin einberufenen Versammlung nicht der Rabbiner abgeschickt wurde, sondem Herr Dr. Krakauer, mit Respekt zu vermelden und zwei andere Amrazim."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.