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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 205

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Simon Eichelkatz
Date
1903-01-01
Page
Seite 205 (sequence 48)
Language
German
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205 Es giebt viele Juden, die aus niedriger Familie sind und sich doch raufarbeiten zu feinen und edlen Menschen, denn wenn wir uns an unsere Stammesgemeinschaft erinnern, so ist jeder berechtigt, sich als zum ältesten Adel gehörig zu betrachten. Aber sein muß man darnach, und das sind die meisten leider nicht. Herr Doktor Krakauer, mit Respekt zu melden, war es nicht. Sein Vater war ein roher Lederhändler, in Peiskretscham. Ein fleißiger, ordentlicher Jud, was nicht hat schreiben und lesen gekonnt und seine Mutter war eine einfache Frau, die als jüdische Köchin bei Herrn Bernhard Markus gedient hat. Sie war nicht mehr jung, als sie sich verheiratete und wie sie einen Sohn bekamen, waren sie überglücklich. Das Kind wurde bestimmt, was besonderes zu werden. Die beiden Eltern hatten jetzt nur ein Ziel, und der Knabe, der gut lernte, machte es ihnen möglich, es zu erreichen. Studieren sollte er, ein gebildeter, gelehrter Herr werden, ein Doktor. Je weniger der rohe Lederhändler und seine Frau waren, desto mehr sollte der Sohn sein. Und sie erlebten auch beide noch die Freude, daß er sich ihrer schämte. Als er wirklich sich als Arzt niedergelassen hatte, zu Ehre und Ansehen gekommen war, Ehrenstellungen in Stadt und Gemeinde bekleidete, da verstand er sehr gut, den rohen Lederhändler und die jüdische Köchin zu verheimlichen und nur ganz in der Sülle, und im Geheimen nur war er ihr Sohn. Vor der Welt hätte ihm das geschadet, seine Stellung in der Oeffentlichkeit hätte darunter leiden können, so konnten die beiden alten Leute, die Tag und Nacht, unermüdlich dafür gearbeitet hatten, daß ihr ienzig Kind auf eine höhere Stufe komme, sich nur von Weitem daran erfreuen. Denn sein Ehrgeiz, seine Energie, seine Schlauheit und Rücksichtslosigkeit hatten ihn wirklich weit gebracht. Er hatte aus wohlhabender Familie geheiratet, aber ein Mädchen, das so dumm und schüchtern war, daß sie seiner Herrschsucht sich fügte, in ewiger Angst und Furcht, es ihm nicht recht zu machen. Nun, denken Sie sich, lieber Herr Kreisphysikus, so einen Menschen jahrelang als Roschekol. Er unterdrückte und verdarb die ganze Khille, die nicht den Mut hatte, ihm entgegenzutreten und Alle zitterten vor ihm. Der alte Synagogendiener und Schabbesgoj Marek, der

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