Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Simon Eichelkatz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Familienverhältnissen vertraut, mein Vetter sendete mir Grüße durch ihn . . . ich sann einen Augenblick nach, der Name „Jonas Goldstücker" stand auf meiner Besuchsliste nicht. Merkwürdig. Das machte mich stutzig und ich sagte nur: „Das zu beurteilen, müssen Sie mir schon überlassen." „Aber ich bitte Sie, Herr Kreisphysikus, Sie haben mich mißverstanden. Ich wollte mir durchaus nicht erlauben. Ihnen über gesellschaftliche Formen etwas zu sagen, wie können Sie nur so was denken, aber ich meinte nur so. Wie sollen die Familien hier Sie kennen und würdigen lernen, wenn Sie sich ihnen fern halten? Und Ihr Kousin, Doktor Feilchenstein sagte mir doch, was Sie für ein ausgezeichneter Mensch sind, und wie ernst und tüchtig und wie verhältnismäßig jung Sie schon Karriere gemacht haben. . . Ende der Dreißig und schon Physikus, und wie viel Ehre und Freude Sie Ihrer alten Mutter bereiten." . . . Mein Vetter mußte, seit ich ihn nicht gesehen habe, ein schwatzhaftes Weib geworden sein. Wie kommt er dazu, einem mir völlig Fremden so viel aus meinem Leben zu erzählen, mich zu rühmen und über das stille, innige Mütterchen und mein Verhältnis zu ihr zu sprechen? Es schien mir fast unglaublich und schon wollte ich mich darüber äußern, als er fortfuhr: „Und wie glücklich Ihre liebe Mutter sein würde, wenn Sie ihr bald eine nette Schwiegertochter zusühren würden. Wenn es ein seines, gebildetes Mädchen ist, könnte sie vielleicht sogar bei Ihnen leben und ihre Tage bei Ihnen beschließen. Viele junge Mädchen sind zwar nicht dafür, die Schwiegermutter im Hause zu haben, aber es kommt darauf an, und Edith Ehrlich ist ein so kluges Mädchen." . . . Ich sprang empor. Fast hätte ich ein lautes Gelächter ausgeschlagen. Nun wars heraus. Herr Jonas Goldstücker, der mich mit einem so eigentümlichen, intimen Besuch beehrte war ein . . . Schadchen. Der Heiratsvermittler der Gemeinde. Das war zu amüsant. Aber er schien nicht bemerken zu wollen, daß ich die Sache komisch ausfaßte, denn er blieb ruhig sitzen und sprach weiter: „Und der Herr Sanitätsrat möchte am, liebsten einen